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Robert Musil - oder: Der Krieg beginnt früher.
Vortrag von Dr. Antje Vollmer
anlässlich der Gastprofessur an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf
2000/2001
Es gilt das Gesprochene Wort
31. Januar 2000
I.
Drei literarische Zeitgenossen hatten wir uns ausgesucht, um von ihnen mehr über die inneren Zerfallsprozesse des auseinanderfallenden Reiches Österreich-Ungarn zu erfahren, als die herkömmlichen Geschichtsschreiber uns erklären können. Wir folgen damit der Vermutung, daß Literaten etwas mehr erspüren von den gefährlichen Unterströmungen ihrer Zeit. Wir hatten von Karl Kraus in seiner brillanten und hellsichtigen Intellektualität die Ursachen der Krankheit seziert bekommen: die Geburt des Krieges aus dem Geist der Lüge und der Amoralität. Franz Kafka hatte über den Bau der chinesischen Mauer berichtet und dabei eine genaue, fast politische Analyse geliefert, warum das europäische Reich der Mitte seinen inneren Zusammenhalt verloren hatte und warum die Prager Juden vielleicht die letzten Verteidiger der Idee eines guten Kaisers waren.
Beide waren sozusagen von außen, zumindest von einer Randexistenz aus in die Metropolen Wien und Prag gekommen, um so mit dem geschärften Blick des Außenseiters die Prozesse zu verfolgen, die sie als besonders bedrohlich empfanden. Beide entstammten jüdischen Familien, die dem Emanzipationsversprechen der KuK-Monarchie vertraut hatten. Beide registrieren mit seismographischer Präzision, wie sich allmählich, Geist, Sprache und Verhalten ihrer Umgebung verändern.
Robert Musil, der dritte Zeitgenosse, kommt aus einer anderen Tradition. Er kommt auch aus einer anderen, einer deutsch-österreichischen Familie. Er kommt aus dem engeren Kreis, der sich als staatstragende Schicht verstanden hat. In dieser Schicht gehörte kaisertreue Gesinnung ebenso dazu, wie wirtschaftlicher Erfolg und aufstiegsorientierte Modernität. Der eine Großvater Musils war Eisenbahnpionier, der andere führte eine Musterlandwirtschaft. Musils Vater war Professor für Maschinenbau und unter anderem in modernster Waffentechnik engagiert. Musil ging zusammen mit Kindern des hohen Adels - so war z. B. Erzherzog Heinrich sein Mitschüler - in die militärische Unter- und Oberrealschule. Er avancierte zur Militärakademie, eine Zeit seines Lebens, die er in seinem Erstlingserfolg "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" meisterhaft porträtiert hat. Er studierte Maschinenbau und Naturwissenschaften an der Technischen Hochschule in Brünn, in jenem Teil Österreichs, der zu der Zeit wirtschaftlich am meisten prosperierte. Er machte selbstverständlich sein Freiwilligenjahr als Leutnant und sicherte weiterhin seine naturwissenschaftlichen Karriereaussichten durch eine Assistenz an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Es ist also der Blick eines jungen, aufstrebenden Karrieristen, der ganz und gar dazu gehörte und zu den schönsten Hoffnungen Anlaß gab, der Musil auszeichnet und ganz deutlich von der Ausgangssituation Karl Kraus und Franz Kafkas unterscheidet.
II.
Und doch interessiert auch diesen Robert Musil nichts in seinem gesamten Werk mehr, als die Ursache des Krieges. "Daß Krieg wurde, werden mußte, ist die Summe all der widerstrebenden Strömungen und Einflüsse und Bewegungen, die ich zeige" schrieb er 1926, acht Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Ihn interessierte -mit einem Zitat aus dem "Törless" - wie es möglich war, "daß von der hellen täglichen Welt, die er bisher allein gekannt hatte, ein Tor zu einer anderen, dumpfen, brandenden, leidenschaftlichen, nackten, vernichtenden führte. Daß zwischen jenen Menschen, deren Leben sich wie in einem durchsichtigen und festen Bau von Glas und Eisen geregelt zwischen Bureau und Familie bewegt, und Anderen, Herabgestoßenen, Blutigen, ausschweifend Schmutzigen, in verwirrten Gängen voll brüllender Stimmen Irrenden, nicht nur ein Übergang besteht, sondern ihre Grenzen heimlich und nahe und jeden Augenblick überschreitbar aneinander stoßen... Und die Frage bliebe nur, wie ist es möglich? Was geschieht in solchem Augenblicke?"
Später wird er diese Erfahrung als einen fast religiösen, einen anderen Zustand beschreiben: "Dennoch läßt sich nicht leugnen, daß die Menschheit zu jener Zeit (und natürlich alle Völker in der gleichen Weise) von etwas Irrationalem, Unvernünftigem, aber Ungeheurem berührt worden ist, das fremd, nicht von der gewohnten Erde, war...Man war plötzlich Teilchen geworden, demütig aufgelöst in ein überpersönliches Geschehen...es war, als ob mystische Ureigenschaften, welche in einem Wort eingeschlossen die Jahrhunderte verschlafen hatten, plötzlich so real erwachten wie die Fabriken und Kontore am Morgen."
Wer den Krieg so beschreiben kann, muß eine doppelte Voraussetzung erfüllen: Er muß erstens daran teilgenommen haben und er muß zweitens ein Gespür für die psychologischen inneren Prozesse, die sich in einem solchen Krieg und der ihn begleitenden Kriegsbegeisterung entladen, zu lesen verstehen. Beides trifft auf Robert Musil in hohem Maße zu. Er hatte von 1903 bis 1908 an der Humboldt Universität Philosophie und Psychologie studiert, kannte die Werke Sigmund Freuds und hat dieses Interesse ein Leben lang beibehalten; und er war am 20. August 1914 selbstverständlich als Leutnant mit in den Landsturm eingerückt, und zwar an seinem gefährlichsten Abschnitt, in die großen Schlachten am Isonzo, wo er teils selbst in der Etappe lag oder ins Kommando der Isonzo-Front in Adelsberg (heute Slowenien) abkommandiert war. Er hat in diesen extremen Kriegssituationen eigenartige Erfahrungen gemacht, die sich immer wieder in seinen Werken finden und die er in einer Sprache zu schildern versucht, die der Mystik entlehnt ist. Ich kenne keinen anderen Autor, der eine solche Sprachmeisterschaft entwickelt hat:
"Es war die überall gleiche Einheitsmasse von Seele: Europa. Ein so unbestimmtes Unbeschäftigtsein, wie es sonst die Beschäftigung war. Sehnsucht nach Weib, Kind, Behaglichkeit. Und zwischendurch immer von neuem das Grammophon. Rosa, wir fahr'n nach Lodz, Lodz, Lodz... und Komm in meine Liebeslaube... Ein astraler Geruch von Puder, Gaze, ein Nebel von fernem Varieté und europäischer Sexualität. Unanständige Witze zerknallten zu Gelächter und fingen alle immer wieder mit dem Worten an: Da ist einmal ein Jud auf der Eisenbahn gefahren...; nur einmal fragte einer: Wieviel Rattenschwänze braucht man von der Erde zum Mond? Da wurde es sogar still, und der Major ließ Tosca spielen und sagte, während das Grammophon zum Loslegen ausholte, melancholisch: "Ich habe einmal die Geraldine Farrar heiraten wollen." Dann kam ihre Stimme aus dem Trichter in das Zimmer und stieg in einen Lift, diese von den betrunkenen Männern angestaunte Frauenstimme, und schon fuhr der Lift mit ihr wie rasend in die Höhe, kam an kein Ziel, senkte sich wieder, federte in der Luft. Ihre Röcke blähten sich vor Bewegung, dieses Auf und Nieder, dieses eine Weile lang angepreßte Stilliegen an einen Ton, und wieder sich Heben und Sinken, und bei alldem dieses Verströmen, und immer doch noch von einer neuen Zuckung Gefaßtwerden, und wieder Ausströmen: war Wollust. Homo fühlte, es war nackt jene auf alle Dinge in den Städten verteilte Wollust, die sich von Totschlag, Eifersucht, Geschäften, Automobilrennen nicht mehr unterscheiden kann, - ah, es war gar nicht mehr Wollust, es war Abenteuersucht, - nein, es war nicht Abenteuersucht, sondern ein aus dem Himmel niederfahrendes Messer, ein Würgengel, Engelswahnsinn, der Krieg?"
Und noch ein letztes Zitat über die Prägnanz, mit der Musil die Ursache des Krieges beschreibt "Man kann den Krieg auf die Formel bringen: man stirbt für seine Ideale, weil es sich nicht lohnt für sie zu leben. Oder: Es ist als Idealist leichter zu sterben als zu leben."
III.
Blicken wir noch einmal auf Karl Kraus und Franz Kafka zurück. Beide hatten sich auf ihre Weise mit dem Krieg beschäftigt. Karl Kraus, indem er sich mit fast an Wahnsinn grenzender Leidenschaft gegen den Ungeist der Zeit gestemmt hatte, Franz Kafka, indem er das, was er beobachtete und doch nicht aufhalten konnte, in eine fast magische Ferne, in das chinesische Altertum transformierte. Musil interessiert die möglichst präzise, die peinlich genaue, die innere Sicht der Dinge. Musil interessiert die unheimliche Doppelexistenz in jedem Menschen. Musil interessiert der andere Zustand, der so viel Macht über die Menschen hat. So wie er in unglaublicher Genauigkeit die Atmosphäre in einer Truppe von Soldaten schildern kann, die einem Grammophon-Lied lauschen, folgt er dem unmöglichen Programm, daß das Unfaßbare zwar nicht zu begreifen, aber doch möglichst genau zu beschreiben ist.
Wir werden in der Tonka-Geschichte noch einmal erleben, daß eben dieses, das genaue Erfassen dessen, was ist, permanent mißlingt, daß alle Dinge sie selbst sind und ihr eigener Widergänger, daß alle Zustände, je nach dem Licht, das auf sie fällt, etwas völlig anderes bedeuten. Das ist eine Deutung der Moderne: Der Mensch, der bereit ist in diese Kriege zu ziehen, ist der moderne Mensch schlechthin, den nichts mehr hält, nicht einmal eine göttliche Bestimmung oder eine Selbstdefinition. Und deswegen spürt man in allen Texten von Musil etwas Unheimliches, etwas Lauerndes, etwas Abgründiges, eine Gefahr, der man sich mit Worten nähern kann, ohne daß man sie der Sache nach beherrschen könnte.
IV.
Musil ist ein Meister des Anfangs. Manche Geschichten von Musil beginnen, indem sie einen von Anfang an in diesen Sog des Unheimlichen hineinziehen. Man denke zum Beispiel an die Geschichte Grigia, deren Anfang folgendermaßen lautet: "Es gibt im Leben eine Zeit, wo es sich auffallend verlangsamt, als zögerte es weiterzugehen oder wollte seine Richtung ändern. Es mag sein, daß einem in dieser Zeit leichter ein Unglück zustößt."
Diese Geschichte "Grigia" ist übrigens die Verarbeitung einer Liebesgeschichte aus der Kriegszeit, die Musil mit einer Bäuerin aus dem Fersental erlebt hatte. Die scheinbar ereignislose Zeit des Wartens in diesen Alpentälern war für Musil eine persönlich und literarisch ungewöhnlich fruchtbare Zeit.
Auch die Geschichte Tonka, die wir ins Zentrum der heutigen Vorlesung stellen wollen, ist die Verarbeitung von biographischem Material. Sie ist die Transformation einer Liebesgeschichte, einer sozialen Tragödie und die Verarbeitung einer großen persönlichen Schuld des Autors in große Literatur. Wer sich näher mit Literatur beschäftigt, weiß, daß sie nicht immer aus den reinsten und edelsten Stoffen gewirkt ist. Diese Geschichte ist aber vermutlich deswegen so meisterhaft gelungen, weil sie soviel persönliche Wahrheit enthält, weil sie so genau die inneren Verhältnisse, die Bedrohung von Menschlichkeit unter der scheinbaren Herrschaft solider deutsch-österreichischer Bürgerlichkeit bloßlegt.
V. Tonka
Tonka erzählt von einer großen Liebe zwischen ungleichen Partnern. Was wie eine romantische Geschichte beginnt, wird bald zu einer Tragödie, in der der Held Schuld auf sich lädt, diese aber auf seine Geliebte projiziert.
Die Doppelgesichtigkeit der Geschehnisse wird gleich am Anfang der Erzählung zum Thema, denn sie beginnt gleich vier Mal von Neuem - ein stilistisches Meisterwerk: Zunächst die Idylle, eine romantische Liebesgeschichte im Sommer auf dem Lande mit leisen Anklängen an den noch fernen Krieg: eine Geschichte im Volksliedton.
An einem Zaun. Ein Vogel sang. Die Sonne war dann schon irgendwo hinter den Büschen. Der Vogel schwieg. Es war Abend. Die Bauernmädchen kamen singend über die Felder. Welche Einzelheiten! Ist es Kleinlichkeit, wenn solche Einzelheiten sich an einen Menschen heften? Wie Kletten!? Das war Tonka. Die Unendlichkeit fließt manchmal in Tropfen.
Auch das Pferd gehört dazu, der Rotschimmel, den er an eine Weide gebunden hatte. Es war in seinem Militärjahr. Es ist nicht zufällig, dass es in seinem Militärjahr war, denn niemals ist man so entblößt wie in dieser Zeit des Lebens, wo eine fremde Gewalt alles von den Knochen reißt. Man ist ungeschützter in dieser Zeit als sonst.
Beim zweiten Versuch scheint sich der Erzähler mehr einzugestehen. In einer verlogenen Gesellschaft ist der Abstand vom tugendhaftem Mädchen zur Dirne ganz schmal und leicht überwindlich; der Unterschied zwischen Mann und Frau dagegen unüberbrückbar: Hier ahnen wir den Anfang eines Stückes in der Tonlage Tolstois oder Gogols.
Aber war es überhaupt so gewesen? Nein, das hatte er sich erst später zurechtgelegt. Das war schon das Märchen; er konnte es nicht mehr unterscheiden. In Wahrheit hatte sie doch damals bei ihrer Tante gelebt, als er sie kennenlernte. Und Kusine Julie kam manchmal zu Besuch. So war es. Er wunderte sich ja darüber, dass man sich mit Kusine Julie an einen Tisch setzen und ihr eine Tasse Kaffee zuschieben konnte, denn sie war doch eine Schande. Es war bekannt, dass man Kusine Julie ansprechen und noch am selben Abend auf sein Zimmer nehmen konnte… Ein Mann hätte ja vielleicht Lärm geschlagen, denn ein Mann liest die Zeitung oder gehört einem Verein mit bestimmten Zielen an und hat immer die Brust voll mit großen Worten, aber die Tante begnügte sich mit ein paar bissigen Bemerkungen jedesmal, nachdem Julie wieder gegangen war, und solange man mit ihr am Tisch saß, mußte man mit ihr lachen, …
Der dritte Anlauf verweist schließlich erstmals auf den realen Fortgang der Geschichte: Ein Mädchen verliert seine Unschuld und ein Mann gerät in eine Geschichte, eine Sehnsucht, die ihn auf eine Weise fesselt, die er selbst nicht begreift.
Aber wohin führen solche Gedanken?! Sie war ja doch an einem Zaun gestanden damals, vor der dunkel offenen Tür eines Häuschens, des ersten im Dorf gegen die Stadt zu, trug Schnürstiefel, rote Strümpfe und bunte, breite, steife Röcke, schien, während sie sprach, nach dem Mond zu sehen, der blaß über dem gemähten Korn stand, antwortete schlagfertig scheu, lachte, fühlte sich im Schutz des Mondes, und der Wind blies so sanft über die Stoppeln, als müßte er eine Suppe kühlen. Am Heimritt hatte er noch seinem Kameraden, dem Einjährigen Baron Mordansky, lachend gesagt: "Ich würde schon gern mit so einem Mädel etwas haben, aber es ist mir zu gefährlich; als Schutz gegen Sentimentalität müßtest du mir versprechen, Hausfreund zu werden." … Und er hatte ganz bestimmt einmal ein solches Gespräch mit Mordansky abgebrochen, weil es ihn verletzte, aber das war doch nicht damals gewesen, denn das, was eben wie Erinnerung erscheinen wollte, war schon wieder das später gewachsene Dornengerank in seinem Kopf.
Den vierten Anfang läßt der Erzähler schließlich gelten. Eine andere Tonka erscheint hier. Sie hat ein Leben, sie arbeitet an der Ringstrasse von Brünn in einem Tuchgeschäft, sie ist attraktiv und nicht passiv.
In Wahrheit hatte er sie zum erstenmal am "Ring" gesehen, jener Hauptstraße mit den steinernen Lauben, wo die Offiziere und die Herren von der Regierung an den Ecken stehen, die Studenten und jungen Kaufleute auf und ab wandeln, die Mädel nach Geschäftsschluss oder die neugierigeren auch schon in der Mittagspause Arm in Arm zu zweien und dreien durchziehen, manchmal einer der Rechtsanwälte langsam und grüßend sich hindurchschieben läßt, ein Stadtverordneter oder auch ein angesehener Fabrikant, und sogar Damen nicht fehlten, die ihr Heimweg von den Einkäufen just vorbei führt. Dort hatte ihn plötzlich ihr Blick in die Augen getroffen, ein lustiger Blick, nur ein Sekündchen lang und wie ein Ball, der aus Versehen einem Vorübergehenden ins Gesicht flog, im Nu von einem Wegschauen gefolgt und einem geheuchelt arglosen Ausdruck. Er hatte sich rasch umgedreht, denn er dachte, nun würde das Kichern folgen, aber Tonka ging mit geradem Kopf, fast erschrocken; sie ging mit zwei andern Mädchen, war größer als sie, und ihr Gesicht hatte, ohne schön zu sein, etwas Deutliches und Bestimmtes. Nichts darin hatte jenes Kleine, listig Weibliche, das nur durch die Anordnung wirkt; Mund, Nase, Augen standen deutlich für sich, vertrugen es auch, für sich betrachtet zu werden, ohne durch anderes zu entzücken als ihren Freimut und die über das Ganze gegossene Frische. Es war seltsam, dass ein so heiterer Blick saß wie ein Pfeil mit einem Widerhaken, und sie schien sich selbst daran wehgetan zu haben.
Diese Szene ist beispielhaft für Musil und auch für seinen - oft quälenden -Produktionsprozess als Dichter: Eine Begebenheit wird in detaillierter, präziser Weise, wie durch eine Linse nachempfunden und auf immer neue Einstellungen überprüft - eine Art literarischer Collage-Technik - geradezu fotografiert. Nach dieser Collage-Technik arbeitet er auch inhaltlich. Die Parallelen zu seiner eigenen Biografie treten hervor und werden zugleich übermalt. Tonka ist Hermine Dietz, die in der Zeit von 1901 bis 1907 Musils Geliebte war. Auch Herma, wie er sie nannte, arbeitete in jenem Bezirk von Brünn in einem Tuchgeschäft.
Die Ungleichheit, ja Inkompatibilität zwischen diesen beiden Menschen nimmt der Held schon in der Phase des Kennenlernens wahr. Aber er geht ihr nach wie einer wissenschaftlichen Frage: Er entdeckt Tonkas Unfähigkeit, sich auszudrücken und setzt sie mit einem Defekt, einer Unfähigkeit zum Denken gleich.
Wieder einmal war er mit Tonka heimlich spazierengegangen; sie machten Ausflüge an dem freien Tage, den sie zweimal im Monat hatte; es war Sommer. Als der Abend kam, fühlte man die Luft gerade so warm wie das Gesicht und die Hände, und wenn man im Gehen die Augen schloß, glaubte man sich aufzulösen und ohne Grenzen zu schweben. Er beschrieb es Tonka, und da sie lachte, fragte er sie, ob sie es verstünde.
Oh, ja.
Aber da er mißtrauisch war, wollte er, dass sie es ihm mit eigenen Worten beschreibe; und das vermocht sie nicht.
Dann verstehe sie es auch nicht.
O doch - und plötzlich -: man müßte singen.
Nur das nicht! Doch! So zankten sie hin und her. Und schließlich begannen sie zu singen, wie man ein Corpus delicti auf den Tisch legt oder einen Lokalaugenschein vornimmt. Herzlich schlecht und aus einer Operette, aber zum Glück sang Tonka leise, und er freute sich, über dieses kleine Zeichen von Takt. Sicherlich, sagte er sich, war sie bloß einmal im Leben im Theater, und seither ist diese elende Musik für sie Inbegriff der Vergoldung des Daseins…
Aber in derselben Szene wird auch klar, dass es Tonka nicht an Verstand mangelt, sondern dass sie ihn nur anders nutzt, intuitiv statt analytisch:
Da brach Tonka jäh ab; auch sie schien es zu fühlen, und sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis Tonka stehenblieb und sagte: "Das ist es gar nicht, was ich mit dem Singen meinte." Und da in seinen Augen ein kleines Zeichen der Güte antwortete, begann sie abermals leise zu singen, aber diesmal waren es Volkslieder ihrer Heimat. Sie schritten dahin, und diese einfachen Weisen machten so traurig wie Kohlweißlinge im Sonnenschein. Und da hatte nun mit einemmal natürlich Tonka recht.
Musil, der leidenschaftlich Fotografien sammelte und fast täglich ins Kino ging, benutzte beim Schreiben auch die Inszenierungs-Techniken von Film und Fotografie. Das Licht spielt eine wichtige Rolle in seinen Beschreibungen; er versuchte, von außen das Innere zu beleuchten und dabei Widersprüche bloßzulegen. Hermine Dietz war, obwohl wir nicht viel von ihr wissen, wahrscheinlich Tschechin. Damit ist der doppelte Abstand zwischen diesem ungleichen Paar markiert:
Unterschicht - Oberschicht, deutsch - tschechisch. In Brünn, der mährischen Industriestadt, lebten österreichische Bürger und Tschechen, ohne eigentlich miteinander in Berührung zu kommen. Die tschechischen Arbeiter in Brünn waren arm, eine proletarische und eine nationale Bewegung begann sich um die Jahrhundertwende zu formieren. Die Tschechinnen galten als "reinlich" und liebevoll. Sie wurden gern als Kindermädchen und Pflegerinnen eingestellt. Aber es ging auch eine Faszination des Fremden von ihnen aus; man sagte, sie seien "leicht zu haben". Da haben wir die ganze Mischung der typisch österreichischen Ressentiments.
Das Verhältnis der beiden ändert sich zum ersten Mal, als Tonka ihre Stelle im herrschaftlichen Haus der Eltern des Erzählers verliert und er den Entschluss fasst, sich ihrer anzunehmen.
Wie stumm war Tonka! Sie konnte weder sprechen noch weinen. Ist aber etwas, das in der Menschheit stumm verschwindet, ein kleiner, eingekratzter Strich in den Tafeln ihrer Geschichte, ist solche Tat, solcher Mensch, solche mitten in einem Sommertag ganz allein niederfallende Schneeflocke Wirklichkeit oder Einbildung, gut, wertlos oder bös? Man fühlt, dass da die Begriffe an eine Grenze kommen, wo sie keinen Halt mehr finden. Und er ging wortlos hinaus, um Tonka zu sagen, dass er für sie sorgen wolle.
Dabei geht er nicht so weit, sie allen gesellschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz zu heiraten, er nimmt sie einfach mit und wundert sich, dass sie ihm folgt.
Aber da fiel ihm ein: "Wieso kam ich dazu, es ihr anzubieten?" Und er wußte das ebensowenig, wie warum sie es annahm. In ihrem Gesicht war die gleiche Ratlosigkeit gewesen wie in seinem. Die Lage war grausam komisch; wie im Traum irgendwo hinaufgestürzt, fand er nicht mehr hinunter. Aber er sprach nochmals mit Tonka. Er wollte nicht unaufrichtig sein. Sprach von Bewegungsfreiheit, Geist, Zielen, Ehrgeiz, Abneigung gegen den Taubenschlag des Idylls, erwarteten bedeutenden Frauen - wie eben ein sehr junger Mann spricht, der viel will und wenig erlebt hat. Als er in Tonkas Augen ein Zucken gewahrte, tat es ihm leid, und er bat, von der entgegengesetzten Angst, ihr wehzutun, befallen: "Verstehen Sie es nicht falsch!" "Ich versteh es ja!" war das einzige, was Tonka antwortete.
In der großen Stadt, Stuttgart wahrscheinlich, wo Musil mit 22 eine Stelle annahm und wohin Hermine Dietz ihn begleitete, mietet der Erzähler ein Zimmer für Tonka -Schmeichelzimmer hat Robert Musil dieses Zimmer im wirklichen Leben genannt. Dort beginnt eine der eigenartigsten Verführungsszenen der Literatur:
Sie hatten damals auch schon davon gesprochen, "sich ganz anzugehören". Das heißt - er hatte gesprochen und Tonka hatte schweigend zugehört… Tonka bat bloß einigemal, es noch um einige Tage hinauszuschieben. Bis er beleidigt frug, ob ihr das Opfer zu groß sei? Da setzten sie einen Tag fest!… Und Tonka war gekommen. In ihrem moosgrünen Jäckchen, in dem blauen Hut mit den schwarzen Puffen, die Wangen von dem raschen Gehn in der Abendluft gerötet. Sie deckt den Tisch, sie richtet Tee. Nur um ein weniges geschäftiger als sonst, und immer bloß die Gegenstände ansehend, mit denen sie es gerade zu tun hat. Und obgleich er während des ganzen Tages ungeduldig gewartet hat, sitzt er eingeklemmt in die eisige Steife der Jugend auf dem Sofa und sieht ihr zu. Er bemerkt, dass Tonka an das Unabwendbare nicht denken wollte, und es tat ihm leid, dass er dafür einen festen Termin gestellt hatte; wie ein Gerichtsvollzieher! Aber es fiel ihm jetzt erst ein, dass er sie hätte überraschen, es ihr hätte abschmeicheln müssen!
Alle Freude war meilenfern; er scheute sich eher, das Frische anzutasten, das ihm jeden Abend, wenn sie sich sahen, wie ein kühler Wind entgegenwehte. Aber einmal mußte es sein, an diese Notwendigkeit klammerte er sich, und während er die unwillkürlichen Bewegungen Tonkas verfolgte, kam es ihm vor, als wäre sein Gedanke wie ein Seil um ihren Knöchel geschlungen, das bei jeder Wendung kürzer wurde.
Nach dem Mahl, das sie fast ohne zu sprechen eingenommen hatten, setzten sie sich zueinander. Er machte einen Versuch zu scherzen, Tonka machte einen Versuch zu lachen. Aber sie verzog dabei den Mund, als ob sich ihre Lippen spannten, und wurde plötzlich wieder ernst.
Unvermittelt sagte er:" Tonka, ist es dir recht? Soll es dabei bleiben?" Tonka senkte den Kopf, und ihm schien, dass etwas über ihre Augen flog, aber sie sagt nicht ja und sie sagte nicht, ich hab dich lieb, und er beugte sich zu ihr und sprach ihr in seiner Verlegenheit leise zu. "Weißt du, es ist am Anfang viel Ungewohntes, vielleicht sogar Nüchternes. Denk dir, wir dürfen doch nicht…, weißt du, es ist doch nicht bloß so…Mach dann die Augen zu. Also…?"
Das Bett war schon aufgeschlagen, und Tonka ging darauf zu, setzte sich aber plötzlich wieder unentschlossen auf den Stuhl daneben.
Er rief sie an: "…Tonka!…" Sie stand wieder auf und mit weggewandtem Gesicht begann sie ihre Kleider zu lösen.
Ein undankbarer Gedanke blieb an diesen süßen Augenblick geheftet. Schenkte sich Tonka? Er hatte ihr keine Liebe versprochen; warum empörte sie sich nicht gegen einen Zustand, der höchste Hoffnungen ausschloss? Schweigend handelte sie, als würde sie von der Macht des "Herrn" unterjocht; vielleicht würde sie einem andern auch so folgen, der fest will? Aber da stand sie im Ungeschick ihrer ersten Nacktheit; die Haut schloss sich rührend wie ein zu enges Kleid um ihren Körper; sein Fleisch war menschlicher und klüger als das jugendliche überkluge Denken, und Tonka, als ob sie vor ihm flüchten wollte, der in diesem Augenblick auffuhr, schob sich mit einer merkwürdig ungeschickten und ungewohnten Bewegung ins Bett.
Er erinnerte sich dann nur noch, dass er im Vorbeigehen empfand, das Vertrauteste sei auf dem Sessel geblieben, mit den Kleidern, die er so gut kannte; als er daran vorbeikam, stieg der liebe, frische Geruch daraus auf, den er immer als das erste empfunden hatte, wenn sie sich sahen; im Bett erwartete ihn das Unbekannte und Fremde.
Tonka, die Tschechin aus der KuK-Unterschicht, bleibt "die Fremde". Die Erzählung nimmt eine jähe Wendung, als Tonka schwanger wird und gleichzeitig Symptome der Syphilis an sich feststellt. Zu der fatalen Lage der unehelichen Schwangerschaft tritt weitaus fataler sein Misstrauen gegen sie. Ungeachtet der großen Wahrscheinlichkeit, ja historischen Gewissheit, dass er der Verursacher für beide Zustände ist, klammert er sich an den Gedanken, dass alles durch einen Seitensprung ihrerseits geschehen sein muß, den er durch das falsche Zeugungsdatum vermutet. Ein Verdacht, der in der Realität keine Ursache hat, sondern nur in den Vorurteilen gegenüber den tschechischen Frauen. In Wahrheit hatte Musil sich wohl in seiner Zeit an der Militärakademie vier Jahre zuvor mit der damals noch unheilbaren Krankheit infiziert.
Es war also das nächste eine Art medizinischer Prozessucht. Er wurde Gast bei vielen Ärzten. Der zweite Arzt schloß ebenso wie der erste, und der dritte wie der zweite. Er feilschte. Er trachtete Auffassungen medizinischer Schulen gegeneinander auszuspielen. Die Herren hörten ihm schweigend zu oder auch liebevoll lächelnd wie einem Narren und unverbesserlichen Dummkopf. Und natürlich wußte er selbst, während er redete, er hätte ebensogut fragen können: ist eine jungfräuliche Zeugung möglich? Und man hätte ihm nur zu antworten vermocht: sie war noch nie da. Nicht einmal ein Gesetz hätte man angeben können, das sie ausschloss; bloß: sie war noch nie da. Und doch wäre er ein unverbesserlicher Hahnrei, wollte er sich das einbilden!
Die Familie des Erzählers, besonders die Mutter, finden nun auch, dass es an der Zeit sei, sich dieser Liebschaft zu entledigen, und eine standesgemäße Ehe einzugehen.
Tonka [war] ein "pflichtvergessenes Mädchen" genannt worden, das den Frieden einer Familie nicht achtete, und linkische Anspielungen auf "sinnliche Künste", mit denen sie ihn "in Banden halte", kamen mit der ganzen Lebensunerfahrenheit der anständigen Mütter zutage. - Sie hatten auch jetzt durch die Antwort geblickt, die er erhielt, als ob jeder Pfennig, solange er ihn mit Tonka verband, nur seinem Unglück dienen würde. Da entschloß er sich, noch einmal zu schreiben und sich als Vater von Tonkas Kind zu bekennen.
Als Antwort kam seine Mutter selbst.
…
Sie kam, "um die Verhältnisse zu ordnen". "Es ist gerade jetzt eine gute Gelegenheit, dich frei zu machen, lasse sie nicht aus falschem Ehrgefühl ungenützt, du schuldest es dir und uns!"
"Wieso eine gute Gelegenheit?"
"Gewiss. Das Mädchen wird vernünftiger sein als du; es wird wissen, dass man solche Verhältnisse immer löst, wenn ein Kind da ist."
Da verschob er die Antwort auf den nächsten Tag. Es hatte etwas in ihm gezündet. Seine Mutter, die Ärzte mit dem Lächeln der Vernunft, das glatte Laufen der Untergrundahn am Weg zu Tonka, der Schutzmann mit den festen, das Chaos regelnden Gebärden, der donnernde Wasserfall der Stadt: das war alles eins; er stand in dem einsamen Hohlraum darunter - unbenetzt, aber abgeschnitten.
Er fragte Tonka, ob sie es tun würde.
Tonka sagte: Ja. Fürchterlich zweideutig war dieses Ja. So vernünftig, wie die Mutter es vorausgesagt hatte, aber um den Mund, der es sprach, zuckte die Verwirrung.
Da sagte er seiner Mutter ungefragt am nächsten Tag ins Gesicht, dass er vielleicht gar nicht der Vater von Tonkas Kind sei, dass Tonka krank sei, aber dass er sich trotzdem eher selbst für krank und den Vater halten wolle, als Tonka verlassen.
Das war eine Geste von Wahrheitsliebe und Verzweiflung zugleich. Etwas läßt den jungen Helden zweifeln. Nicht nur an seiner Geliebten, nicht nur an den wissenschaftlichen Fakten, sondern auch an der Gesellschaft, die eine so rohe Geste von ihm erwartet, obwohl sich in den hochherschaftlichen Häusern ganz andere Dinge abspielten. Z.B. in seinem eigenen Elternhaus zeigt sich die Doppelmoral seit langem in einem geheimgehaltenen Verhältnis seiner Mutter.
Etwas Ungreifbares fehlte, um die Überzeugung zur Überzeugung zu machen. Er war einmal nachts mit der Mutter und Hyazinth gereist, und so um zwei Uhr, in der rücksichtslosen Müdigkeit, wenn die Körper im Eisenbahnzug schwanken und nach Unterstützung suchen, schien es ihm, dass seine Mutter sich an Hyazinth lehnte, voll Einverständnis, und Hyazinth fasste ihre Hand. Seine Augen waren weit geworden vom Zorn damals, denn sein Vater tat ihm leid; aber als er sich vorbeugte, saß Hyazinth allein und seine Mutter hatte den Kopf zu der von ihm abgewandten Seite geneigt. Und nach einer Weile, als er sich wieder zurückgelehnt hatte, wiederholte sich das Ganze. So groß war die durch das ungenaue Sehen hervorgerufene Qual oder so ungenau durch die Qual in der Dunkelheit das Sehen. Er sagte sich schließlich, dass er nun doch überzeugt sei, und nahm sich vor, seine Mutter am Morgen zur Rede zu stellen; aber als der Tag schien, war das verflogen wie die Dunkelheit.
Das unkonventionelle Verhältnis zwischen einer vorbildlichen Ehegattin in bürgerlichem Hause mit einem Hausfreund ist die reale Begebenheit, die Robert Musil aus seinem Leben aufzeichnete. Seine Mutter hatte ihm 1905 ihre Beziehung zu Heinrich Reiter gestanden, den sie seit 1881 kannte und der schließlich im Hause Musil wohnte und bis zum Tode der Mutter zur Familie gehörte - eine Art Onkelehe. Diese Verlogenheit hinter der Fassade weckt den Trotz des Sohnes in der Erzählung. Er schreibt Briefe an die Mutter, die um die Geliebte kämpfen, wie diesen:
Ihre Beine sind vom Boden bis zu den Knien so lang wie von den Knien nach oben, und überhaupt sind sie lang und können gehen wie Zwillinge, ohne zu ermüden. Ihre Haut ist nicht fein, aber sie ist weiß und ohne Makel. ... An den Ohren hängt ihr Haar in Strähnen herab, und zuweilen glaubt sie es brennen und hoch frisieren zu müssen; dann sieht sie wie ein Dienstmädchen aus, und das ist gewiß das einzig Böse, was sie in ihrem Leben getan hat…
Aber er schickt diese Briefe nicht ab. Stattdessen fährt er fort in seinen vergeblichen Versuchen, dem Mädchen sein Geheimnis zu entlocken, das eigentlich sein eigenes Geheimnis ist. Es gelingt ihm nicht, aber er bleibt bei Tonka, die langsam verkümmert.
Tonka war bei diesem Leben ohne Licht und voll Sorgen hingewelkt und sie verblühte natürlich nicht schön wie manche Frauen, die Berauschendes ausströmen, wenn sie verfallen, sondern sie welkte unscheinbar wie ein kleines Küchenkraut, das gilbt und häßlich wird, sobald die Frische seines Grüns verloren ist. Ihre Wangen blaßten und fielen ein, dadurch sprang die Nase groß aus dem Gesicht, der Mund erschien breit und sogar die Ohren standen etwas weg; auch der Körper magerte ab, und wo früher biegsame Fülle des Fleisches gewesen war, blickte jetzt ein ländlicher Knochenbau durch. Er, dessen wohlerzogenes Gesicht dem Kummer besser widerstand und dessen Vorrat an guten Kleidern länger vorhielt, merkte, wenn er mit ihr ausging, den erstaunten Blick manches Vorübereilenden. Und weil er nicht ohne Eitelkeit war, brachte es ihn gegen Tonka auf, dass er ihr keine schönen Kleider kaufen konnte; er war wegen ihrer Dürftigkeit, an der er die Schuld trug, böse auf sie, aber wahrhaftig, er hätte ihr, wenn er gekonnt hätte, zuvor schöne wolkige Umstandskleider geschenkt und sie dann erst zur Rede gestellt wegen ihrer Untreue.
Er geht seiner Arbeit nach, versucht seine Zweifel in der Suche nach einer neuen Erfindung zu unterdrücken und rutscht langsam mit ihr in den Abgrund des sozialen Abstiegs.
Sie mußten jetzt in kleinen Speisewirtschaften essen, für wenige Pfennige zwischen Schmutz und Grobheit eine Kost, die er nicht vertrug. Er holte Tonka zu diesen Mahlzeiten ab, pünktlich, in Erfüllung einer Pflicht. Er machte eine sonderbare Figur in seinen vornehmen Kleidern zwischen Gehilfen und Geschäftsdienern, ernst, schweigsam, treu zur Seite seiner schwangeren Gefährtin und unzertrennlich. Viele spöttische Blicke flogen ihm zu, und manche anerkennende, die nicht weniger brannten.
Als Tonka schließlich schwer krank und hochschwanger im Spital liegt und sie getrennt sind, schreibt er ihr Briefe - und auch die schickt er niemals ab.
Und weil er an Tonkas Spitalsbett oft wenig sprach, schrieb er ihr Briefe, in denen er vieles sagte, was er sonst verschwieg, er schrieb ihr fast so ernst wie einer großen Geliebten; bloß vor dem Satz: ich glaube an dich! machten auch diese Briefe halt. Tonka antwortete nicht, er war ganz verdutzt. Da erst fiel ihm ein, dass er die Briefe nie abgeschickt hatte; sie waren ja nicht mit Sicherheit seine Meinung, sondern eben ein Zustand, der sich nicht anders helfen kann als mit Schreiben. Da merkte er, wie gut er es immer noch hatte, der sich ausdrücken konnte, und Tonka konnte es nicht. Und in diesem Augenblick erkannte er sie ganz klar. Eine mitten an einem Sommertag allein niederfallende Schneeflocke war sie. Aber im nächsten Augenblick war dies gar keine Erklärung, und vielleicht war sie auch nur einfach ein gutes Mädchen, die Zeit ging zu schnell, und eines Tages überraschte ihn fürchterlich die Mitteilung, dass es nicht mehr lang dauern würde.
Der Sprachgewaltige ist also unfähig geworden, sich auszudrücken. Musil schreibt in Bildern, einige dieser Bilder tauchen öfters in der Erzählung auf. Der Vergleich Tonkas mit einer Schneeflocke im Sommer zum Beispiel. So sehr er dieses Mädchen auch begreifen möchte, sie löst sich immer wieder auf, erscheint groß und deutlich in den Träumen, verwischt sich aber beim genauen Hinschauen, ist nur mit geradezu mystischer Umschreibung einzufangen. Es mag Zufall sein, aber tatsächlich ist auch das Bild von Hermine Dietz ganz unscharf geblieben. Es gibt nur eine Zeichnung, auf der er sie wahrscheinlich versucht hat festzuhalten, sonst nichts; ganz im Gegensatz zu den vielen Zeugnissen von Robert Musil und seinen Zeitgenossen, die in unzähligen Fotografien und anderen Dokumenten bis heute sehr vollständig erhalten sind: Tonka - Herma hat sich aufgelöst - in einen Lufthauch, in Literatur.
VII.
Musil hat eine genaue Beschreibung der Situation, als er am Totenbett von Hermine Dietz steht und wo ein Freund ihn fragt, ob ihm diese Person denn überhaupt etwas bedeutet hatte - später gestrichen. Die Erzählung endet jetzt so:
Da fiel ihm nebenbei ein wie ein Gedicht, zu dem man den Kopf wiegt, das war gar nicht Tonka, mit der er gelebt hatte, sondern es hatte ihn etwas gerufen. Er wiederholte diesen Satz, er stand mit dem Satz auf der Straße. Die Welt lag um ihn. Wohl war ihm bewußt, dass er geändert worden war und noch ein anderer werden würde, aber das war er doch selbst und es war nicht eigentlich Tonkas Verdienst. Die Spannung der letzten Wochen, die Spannung seiner Erfindung, versteht es sich recht, hatte sich gelöst, er war fertig. Er stand im Licht und sie lag unter der Erde, aber alles in allem fühlte er das Behagen des Lichts. Bloß wie er da um sich sah, blickt er plötzlich einem der vielen Kinder ringsum in das zufällig weinende Gesicht; es war prall von der Sonne beschienen und krümmte sich wie ein gräßlicher Wurm nach allen Seiten: da schrie die Erinnerung in ihm auf: Tonka! Tonka! Er fühlte sie von der Erden bis zum Kopf und ihr ganzes Leben. Alles, was er niemals gewußt hatte, stand in diesem Augenblick vor ihm, die Binde der Blindheit schien von seinen Augen gesunken zu sein; einen Augenblick lang, denn im nächsten schien ihm bloß schnell etwas eingefallen zu sein. Und vieles fiel ihm seither ein, das ihn etwas besser machte als andere, weil auf seinem glänzenden Leben ein kleiner warmer Schatten lag.
Das half Tonka nichts mehr. Aber ihm half es. Wenn auch das menschliche Leben zu schnell fließt, als dass man auf jede seiner Stimmen recht hören und die Antwort auf sie finden könnte.
Tonka wird zu einer märchenhaften Gestalt, einem Ruf von irgendwo, einem kleinen warmen Schatten. Robert Musil mußte weiterleben mit der Schuld, die er sich gegenüber Herma Dietz aufgeladen hatte. Diese Erfahrung ist zu einem Mosaikstein in Musils Werk geworden, ein Indiz für die Kälte und die sozialen und emotionalen Spannungen, die zwischen die Menschen gekommen waren und die sich in einer noch nie dagewesenen Explosion zu entladen drohten und es schließlich im Krieg auch taten. Robert Musil hat das gespürt. Er hat diesen Krieg beginnen sehen in dem Bereich der am ungeschütztesten ist: in der Liebe.