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Die Reiche der Mitte bei Franz Kafka (Rede Düsseldorf, 20.12.2000)

Die Reiche der Mitte bei Franz Kafka

Vortrag von

Dr. Antje Vollmer

Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

anlässlich der Gastprofessur an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf

2000/2001

20. Dezember 2000

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

1.

in meiner letzten Vorlesung habe ich Ihnen Karl Kraus, den genialen Wiener Satiriker vorgestellt, der mit bleibender Aktualität seine Zeit in sehr lautem Zorn und in sehr klarer Form beobachtet und beschrieben hat. Heute setze ich meine kleine Reihe mit einem seiner Zeitgenossen fort, mit dem Tschechen Franz Kafka. Obwohl beide Autoren zur gleichen Zeit in derselben Monarchie lebten, könnten ihre Werke sich kaum mehr von einander unterscheiden als es der Fall ist. Während Kraus seine Welt wie unter einer Lupe tausendfach vergrößerte und verzerrte, um die Schwächen der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn im Umgang mit den neu erstandenen Kräften der Massenkultur, Presse und öffentliche Meinung aufzuzeigen, schreibt Kafka Erzählungen, die das Riesenreich so surreal widerspiegeln, dass sie sich alptraumartig in kleine Novellen verdichten. In seinen Erzählungen wird eine eigene traumhafte Welt konstruiert, die sich so absurd gibt, dass sie von ungezählten Interpreten gedeutet, oft auch für deren eigene Absichten missbraucht und verdreht werden konnte. Kafka als glühender Zionist, als Klassenkämpfer, als Prophet der totalitaristischen Schrecken. Aber war er nicht in erster Linie ein Schrifsteller, ein sehr sensibler, der in einer historisch atemberaubenden Zeit und an einem nicht minder interessanten Ort lebte?

1.1. Kafka und seine Zeit

Rufen wir uns kurz Franz Kafkas Biographie ins Gedächtnis: 1883 kommt er als ältester Sohn von Hermann und Julie Kafka in der Prager Altstadt zur Welt. Der Werdegang der Kafkas ist typisch für die tschechischen Juden im 19. Jahrhundert. Durch die frühere Einschränkung der Berufswahl waren die Juden auf wenige Beschäftigungszweige festgelegt und machten das Beste daraus.

Auch Herrmann Kafka arbeitete sich als Händler in der Provinz hoch zum Besitzer eines Galanteriewarengeschäftes in der Großstadt Prag. Schon allein die Handelsbeziehungen geboten es, dass sich die Kaufleute im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn in mehreren Sprachen zurechtfinden mussten. So sprach man in der tschechischen Familie Kafka, - wie fast alle Prager Juden - deutsch, die Kinder besuchten deutschsprachige Schulen. Die damit einher gehende Identifikation mit dem Deutschen, bleibt nicht aus. Das Markenzeichen des Geschäftes zeigte eine Dohle (tschechisch: kavka), die auf einem Eichenblatt saß, und Franz Kafka, dem die Eltern bezeichnenderweise einen habsburgischen Vornamen gegeben hatten, war von klein auf begeistert von der deutschen Literatur, besonders von Goethe.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich eine tschechische nationalistische Bewegung zu formieren, die in ihrem Wunsch nach Abspaltung oder zumindest mehr Autonomie in der Donaumonarchie alles monarchische, besonders alles Deutsche bekämpfte. Die Deutsch sprechenden Juden, stets als Außenseiter angesehen und durch den Handel mit dem Deutschtum eng verwoben, wurden zum Opfer von rassistischen Ausbrüchen und gesellschaftlicher Einschränkungen. Nur Kaiser Franz Josef, der den Juden neue Rechte eingeräumt hatte und das große Reich zusammenhalten wollte, gewährte noch relativen Schutz. Der junge Kafka wuchs in dieser spannungsreichen und aggressiven Atmosphäre am Ende des 19. Jahrhunderts auf. Mit Anfang 20 beginnt sein für ihn selbst kaum erträgliches Doppelleben: Tagsüber arbeitete er im Büro der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich in Böhmen und macht auch eine nicht unansehnliche Karriere dort, abends lebt er sein "Manöverleben" - das nächtliche Schreiben. Als Deutsch sprechender unter nationalistischen Tschechen, als Tscheche unter sich abgrenzenden nationalistischen Deutschen, als Böhme im österreichischen Kaiserreich, Schriftsteller unter Büroangestellten, als an sich selbst zweifelnder Einzelgänger unter berühmten Schriftstellern, als Familienbesessener unfähig zur Familiengründung, als Kranker unter Gesunden, war Franz Kafka abgetrennt von allen gesellschaftlichen Gruppen in seiner Umgebung. Dieses Einzelgängertum, das er selbst und auch die Biographen aus dem engeren Umfeld - zum Teil wohl künstlich - hoch stilisierten, hatte einen großen Vorteil: es schärfte seinen Blick auf die Gesellschaft und die Geschehnisse seiner Zeit. Die Einsamkeit war für Kafka eine Zuflucht, ähnlich wie Schloß Jannowitz Zuflucht für Karl Kraus war. Von kaum einem Gefühl der Gruppenzugehörigkeit abgelenkt, betrachtet der Schriftsteller seine Welt und entwickelt eine extreme Sensibilität, die er in seinem Werk in konzentrierter Form umsetzt. Er wird zum menschlichen Seismographen.

1.2. Neuer Aspekt in der Kafka Rezeption

Christoph Stölzl, Historiker und heute Kultursenator in Berlin, hat in seinem Beitrag zur Kafka Forschung eine interessante Bemerkung gemacht: Er zeigt sich erstaunt über die "schwer verständliche Blindheit [der gemanistischen Kafka-Forschung] gegenüber dem Gedanken, dass ein hochqualifizierter, politisch interessierter jüdischer Akademiker mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit [die antisemitische Stimmung der Tschechischen Nationalisten und die antitschechischen Ressentiments der deutsch- österreichischen Nationalisten] aufgenommen hat, [die] ihn im Zentrum seiner sozialen Existenz [...] betraf”.

Ich möchte heute noch einen Schritt weitergehen: Ich halte es für geradezu ausgeschlossen, dass dieser "hochqualifizierte, politisch interessierte jüdische Akademiker" die gesamte Phase des Zerfalls der Habsburger Monarchie und den ersten Weltkrieg nicht bemerkt hat, dass er nicht gespürt hätte, was das mit den Menschen macht, und dass diese Umwälzungen keinen Eingang in sein Werk gefunden haben sollen.

2. "Beim Bau der Chinesischen Mauer”

Lassen Sie uns dazu die Erzählung "Beim Bau der Chinesischen Mauer” genauer betrachten, die Franz Kafka im Frühjahr 1917 (also mitten im Krieg - zur selben Zeit als Karl Kraus seine "letzten Tage der Menschheit” erlitt) in seiner zweiten großen Schaffensphase schrieb. Worum geht es?

Ein belesener und gelehrter Maurer aus dem Südosten Chinas sinniert über den Bau der Chinesischen Mauer. Ihm ist aufgefallen, dass der Bau dieser Mauer einem eigentümlichen Muster folgt: sie wird in Teilstücken fertiggestellt. Bei den Überlegungen dazu kommt er zu dem Schluss, dass die Mauer an sich gar keinen Nutzen haben kann. Vielmehr hat er den Eindruck, dass die Konstrukteure, die eine mächtige Gruppe neben dem Kaiser zu sein scheinen, den Bau als ein Instrument zur Einigung der Bevölkerung einsetzen.

Mit dieser Erkenntnis nimmt der Bericht eine Wendung. Der wohl greise Gelehrte widmet sich nun der genaueren Untersuchung der kaiserlichen Herrschaft seines Landes. Dabei stellt er fest, dass gerade das Kaisertum selbst, die undurchsichtigste Institution im Lande ist. Die Bevölkerung, die über das unermeßlich große Reich verteilt lebt, hat keine Vorstellung von dem Kaiser, der sie regieren soll. Vielmehr wird sie allein durch eigene Traditionen und Religionen zusammen und friedlich gehalten. Mit dieser Erkenntnis endet der Bericht.

2.1. China und Österreich-Ungarn, zwei Reiche der Mitte:

Die Erzählung zeichnet sich durch zwei ineinander verwobene Besonderheiten aus. Erstens ist es der chinesischste Text Kafkas. Zwar tauchen chinesische Elemente immer wieder in Kafka-Texten auf, sie spielen aber keine für das Verständnis wichtige Rolle. Zum Teil hat Kafka die chinesischen Elemente nachher auch wieder entfernt, wie zum Beispiel in "Ein altes Blatt”, das ursprünglich den Titel "Ein altes Blatt aus China” hatte.

Die zweite Besonderheit des Textes besteht in der inhaltlichen Auseinandersetzung des Erzählers mit dem Problem des Zusammenhalts eines Reiches und der Institution des Herrschers. "Beim Bau der Chinesischen Mauer” ist beinahe ein politisches Traktat - etwas sehr ungewöhnliches bei Kafka.

2.1.1. Kafka und China

Dass die Geschichte explizit in China angesiedelt ist, ist zum Teil sicher eine Modeerscheinung. Auch Kraus schreibt einen Text über die chinesische Mauer. Kafkas Leben fällt in die zweite Blütezeit der Chinarezeption in Europa. Zur Zeit der ersten europäischen Reisen nach China am Anfang des 17. Jahrhunderts war die Berichterstattung eher nüchtern; sie war vor allem an wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen orientiert. Man beschränkte sich auf die Herausstellung der Gemeinsamkeiten zwischen Chinesen und Europäern. Die Rassenkunde und zugehörige Theorien der Überlegenheit der weißen Rasse waren noch nicht erfunden worden. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlebte China in seiner westlichen Rezeption durch die Jesuiten seine erste Blüte. Die Missionare erhielten durch ihre Integration am chinesischen Hofe tiefe Einblicke in das chinesische Herrschaftssystem und das Leben in diesem fernen Land. Ihre Berichte waren enthusiastisch und an der Frage der Reformen von Herrschaft orientiert, z.B. an der Auslese von Beamten. Der Kaiser von China wurde zum Modellmonarchen und die Übersetzungen chinesischer Philosophie wurde begeistert gelesen und in die Systeme großer westlicher Denker wie Leibniz und Voltaire aufgenommen. Mit dem Niedergang der Jesuiten und vor allem in den Tagen des beginnenden Nationalismus erlebte auch das Chinabild in Europa eine Krise. Die bisher so gepriesene Zivilisation der Chinesen wurde teilweise zum Hirngespinst der Jesuitenmönche erklärt. Europa war gekränkt. Die Menschen, die Nachrichten aus China von Ihren Reisen brachten, waren nun Seefahrer, Händler, Soldaten und Diplomaten. Inzwischen hatte sich ein Rassenbewußtsein entwickelt, das die Überlegenheit der Europäer zu begründen schien. Die Berichte waren entsprechend. Aus den einst philosophischen, modellhaften Chinesen wurde ein Volk, dem es an der Fähigkeit zu freiem Denken genauso mangelte wie an Fantasie, Gewissen und Ehrgefühl; ein Volk, das sehr empfindlich, rachelüstern, unmoralisch und betrügerisch war. 1781 erreichte der erste Opiumfrachter China - Gipfel der kolonialen Erniedrigung. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde durch das Interesse an und den Kontakt vieler Gelehrter zu China das Ansehen des Kaiserreiches allmählich wiederhergestellt. Zahlreiche Übersetzungen philosophischer und literarischer Werke sowie begehrte Waren wie Seide und Tee gelangten nach Europa und begründeten eine zweite Blüte der Chinarezeption, die von 1890 bis 1925 währte.

Kafkas Interesse für China war kein Einzelphänomen. Sehr viele seiner Zeitgenossen z.B. Alfred Döblin, Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler und Martin Buber teilten seine Faszination und brachten Chinesische Elemente in ihre Dichtung ein. Die Liebe zu allem Chinesischen bei Kafka war genau im Trend der Zeit, obwohl sie bei ihm so weit ging, dass er sich zu Zeiten selbst als Chinesen bezeichnete, wie z.B. auf einer Postkarte an Felice im Jahre 1916, also ein Jahr vor der Entstehung unseres Textes.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit darüber hinaus aber darauf lenken, dass das Chinesische in der Geschichte "Beim Bau der Chinesischen Mauer" nicht nur eine modische Spielerei war, sondern auch Teil von Kafkas Interpretation der damaligen Welt. Denn der Vergleich zwischen dem Reich der Mitte China und dem Reich in der Mitte Europas, Österreich-Ungarn, ist weniger abwegig als es auf den ersten Blick scheint:

2.1.2. Vielvölkerstaaten und ihre Gefährdung durch nationalistische Bewegungen einzelner ethnischer Gruppen

Beide Reiche sind multiethnische Staaten. In China leben insgesamt etwa 55 ethnischen Minderheiten. Als größte seien hier die türkischen Uiguren, die Tibeter und die Mongolen genannt, deren Integration den Herrschern von China schon von jeher Schwierigkeiten bereitete. Von den nationalistischen Bestrebungen der Minderheiten geht noch heute die größte Gefährdung für die Stabilität der Volksrepublik aus. Die Donaumonarchie, die von Böhmen im Norden bis Bosnien-Herzegovina und Serbien im Süden reichte und zeitweise Teile Italiens im Westen genauso zu integrieren versuchte, wie Ungarn im Osten, war ethnisch ähnlich vielschichtig zusammengesetzt. Die Doppelmonarchie zerbrach schließlich an den Unabhängigkeitskämpfen der einzelnen Ethnien. In unserem Text spielt Kafka auf die heterogene Zusammensetzung des Volkes an der Stelle an, wo er den Vergleich des Mauerbaus mit dem babylonischen Turmbau einflicht.

Zunächst muß man wohl sagen, daß damals Leistungen vollbracht wurden, die wenig hinter dem Turmbau von Babel zurückstehen, an Gottgefälligkeit allerdings, wenigstens nach menschlicher Rechnung, geradezu das Gegenteil jenes Baus darstellen. Ich erwähne dies, weil in den Anfangszeiten des Baues ein Gelehrter ein Buch geschrieben hat, in welchem er diese Vergleiche genau zog. [...] er behauptete, erst die große Mauer werde zum erstenmal in der Menschenzeit ein sicheres Fundament für einen neuen Babelturm schaffen.

Die Geschichte des Turms von Babel in ihrer Umkehrung: hier baut nicht ein Volk mit einheitlicher Sprache ein himmelhohes Gebäude, um sich Gott ebenbürtig zu erweisen, sondern ein Volk mit vielen Sprachen arbeitet an einem Bauwerk, das zur Einigkeit im Reiche beitragen soll.

Auf die Vielgestaltigkeit der chinesischen Bevölkerung weist Kafka auch hin,

wenn er von der Nachricht über den Aufstand in der Nachbarprovinz erzählt:

Ich erinnere mich hier an einen Vorfall aus meiner Jugend. In einer benachbarten, aber immerhin sehr weit entfernten Provinz war ein Aufstand ausgebrochen. Die Ursachen sind mit nicht mehr erinnerlich, sie sind hier auch nicht wichtig, Ursachen für Aufstände ergeben sich dort mit jedem neuen Morgen, es ist ein aufgeregtes Volk. Und nun wurde einmal ein Flugblatt der Aufständischen durch einen Bettler, der jene Provinz durchreist hatte, in das Haus meines Vaters gebracht. Es war ein Feiertag, Gäste füllten unsere Stuben, in der Mitte saß der Priester und studierte das Blatt. Plötzlich fing alles zu lachen an, das Blatt wurde im Gedränge zerrissen, der Bettler, der allerdings schon reichlich beschenkt worden war, wurde mit Stößen aus dem Zimmer gejagt, alles zerstreute sich und lief in den schönen Tag. Warum? Der Dialekt der Nachbarprovinz ist von dem unseren wesentlich verschieden, und dies drückt sich auch in gewissen Formen der Schriftsprache aus, die für uns einen altertümlichen Charakter haben.

Österreich-Ungarn, das seit dem Ausgleich 1867 in Cislethanien, der österreichischen überwiegend Deutsch sprechenden Seite und Transleithanien, also Ungarn, aufgeteilt war, beherbergte nicht minder viele verschiedene Sprachen und Völker, von denen sich immer wieder einzelne gegen die zentrale Herrschaft aufbäumten - insbesondere die unruhige Balkanregion.

2.1.3. Der monströse Beamtenapparat: ausgeklügeltes System der Verwaltung und Bürokratismus

Die zweite augenfällige Gemeinsamkeit der beiden Riesenreiche ist der Verwaltungsapparat. Die Mandarine am chinesischen Kaiserhof waren berühmt in aller Welt für ihr kompliziertes und erstaunlich demokratisches Ausbildungssystem, bei dem praktisch jedem die Möglichkeit offen stand, in den Staatsdienst zu treten. Er mußte nur die standardisierten Beamtenprüfungen meistern. Auch unser Baumeister in der Erzählung hat mit zwanzig Jahren die oberste Prüfung der untersten Schule abgelegt. Die kaiserlichen Beamten gewährleisteten eine effiziente Verwaltung des Reiches bis in die entferntesten Grenzgebiete von der Zentrale Peking aus. In ganz ähnlicher Weise durchdrang der österreichische Beamtenapparat die Gesellschaft der Doppelmonarchie. Die beiden Mittelreiche glichen sich jedoch nicht nur in positiver Hinsicht in der Systematik der effizienten und alles durchdringenden Verwaltung, sondern auch in deren Schattenseiten: Korruption, Vetternwirtschaft und Egoismus beherrschten in beiden Ländern die Höfe und deren verwalterische Ausläufer. Sie schwächten schließlich die kaiserlichen Herrscher derart, dass Zweifel aufkamen, ob sie überhaupt noch lebten oder ob sie nicht schon längst durch andere Mächte ungeklärter Herkunft ersetzt worden waren.

In "Beim Bau der Chinesischen Mauer" heißt es dazu:

Genauso, so hoffnungslos und hoffnungsvoll, sieht unser Volk den Kaiser. Es weiß nicht, welcher Kaiser regiert, und selbst über den Namen der Dynastie bestehen Zweifel. In der Schule wird vieles dergleichen der Reihe nach gelernt, aber die allgemeine Unsicherheit in dieser Hinsicht ist so groß, daß auch der beste Schüler mit in sie gezogen wird. Längst verstorbene Kaiser werden in unseren Dörfern auf den Thron gesetzt, und der nur noch im Liede lebt, hat vor kurzem eine Bekanntmachung erlassen, die der Priester vor dem Altare verliest. Schlachten unserer ältesten Geschichte werden jetzt erst geschlagen und mit glühendem Gesicht fällt der Nachbar mit der Nachricht dir ins Haus. Die kaiserlichen Frauen, überfüttert in den seidenen Kissen, von schlauen Höflingen der edlen Sitte entfremdet, anschwellend in Herrschsucht, auffahrend in Gier, ausgebreitet in Wollust, verüben ihre Untaten immer wieder von neuem.

Und an anderer Stelle heißt es:

Um den Kaiser drängt sich die glänzende und doch dunkle Menge des Hofstaates - Bosheit und Feindschaft im Kleid der Diener und Freunde -, das Gegengewicht des Kaisertums, immer bemüht, mit vergifteten Pfeilen den Kaiser von seiner Waagschale abzuschießen. Das Kaisertum ist unsterblich, aber der einzelne Kaiser fällt und stürzt ab, selbst ganze Dynastien sinken endlich nieder und veratmen durch ein einziges Röcheln.

Die Schwäche des Kaisers führt schließlich in beiden Reichen zum Ende der Monarchie. Bemerkenswert ist, dass diese Schwäche der männlichen Herrscher sowohl in Europa wie auch in China von außerordentlich dominanten Frauenfiguren begleitet war: Elisabeth von Bayern, besser bekannt als Sissi, Franz Josefs Gemahlin, die Ungarn ganz besonders ins Herz geschlossen hatte, trieb den Österreich-Ungarischen Ausgleich 1867 zum Abschluß, was die Deutsch-Österreicher mit Mißtrauen beobachteten. Mit ihrem Widerwillen gegen die Etikette bei Hofe brachte sie die Wiener Gesellschaft gegen sich auf. Es war einer von mehreren Schicksalsschlägen, die Franz Josefs Leben überschattete, als sie 1898 bei dem Attentat durch einen italienischen Anarchisten ums Leben kam. Seitdem war er noch mehr unter dem strengen Einfluss seiner etikettebewußten Mutter.

Genau in demselben Jahr 1898 riss die chinesische Kaiserinwitwe Cixi auf der anderen Seite der Weltkugel wieder das Zepter an sich, indem sie die mutigen Reformen ihres Neffen, des Kaisers Guangxu niederschlug. Die einstige kaiserliche Konkubine trieb schließlich das außen von kolonialistischen Ansprüchen und innen von Korruption und Unruhen gebeutelte Kaiserreich seinem Ende entgegen. Nur drei Jahre nach ihrem Tod, in den sie auch den nominellen Kaiser Guangxu mitriß, brach die Monarchie 1911 zusammen - kurz vor Ende der Donaumonarchie.

Vielleicht erinnern Sie sich, die Unsicherheit darüber, welcher Kaiser noch lebte und wer in Wahrheit die Macht in der Donaumonarchie lenkte, war auch Motiv bei Karl Kraus gewesen. Kaiser Franz Josef I. hatte mit 18 die Kaiserkrone erhalten und sein Reich mit absolutistischen Mitteln zusammenzuhalten versucht. Er war der letzte Monarch der alten Schule. Franz Ferdinand, sein designierter Nachfolger, ließ andere Pläne für die Zeit seiner Herrschaft verlauten. Er spielte mit dem Gedanken aus dem Dualismus der Österreichisch Ungarischen Monarchie einen Trialismus zu machen, in dem die Slawen eine ähnliche Stellung wie den Ungarn zugesprochen werden sollte. Oder, so spekulierte er, das Reich könnte auch in ein föderalistisches Gebilde - eine Art Commonwealth - mit 16 Staaten umstrukturiert werden, der zwar von einer starken Zentralmacht gelenkt, aber die nationalen Differenzen berücksichtigen würde. Das Attentat auf den Thronfolger und seine Frau 1914 bereiteten diesen Plänen ein vorzeitiges Ende. Noch im ausbrechenden Ersten Weltkrieg setzte Franz Josef noch auf die Einheit des Großreiches. Auch dieser Plan scheiterte. Er starb 1916. Was blieb den einfachen Leuten anderes übrig, als die verschlungenen Wege der Monarchen und ihrer Höflinge mit Staunen und Unverständnis zur Kenntnis zu nehmen?

2.1.4. Die Distanz zwischen Volk und Herrscher in den Großreichen

Die Größe des Reiches und die damit einher gehende Distanz des Volkes vom Herrscherhaus ist die dritte Gemeinsamkeit. Die Legende über eine Botschaft vom sterbenden Kaiser an den einfachen Mann, die in den zweiten Teil von "Beim Bau der Chinesischen Mauer" eingeschoben wird und die vor der Erzählung als eigenständiger Text unter dem Titel "Eine kaiserliche Botschaft" veröffentlicht wurde, handelt von dieser Problematik. So heißt es im Text:

Es gibt eine Sage, die dieses Verhältnis gut ausdrückt. Der Kaiser, so heißt es, hat Dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft zugeflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, dass er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reiches - vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend, schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts wie kein anderer. Aber die Menge ist groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnet sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest Du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an Deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge im dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor - aber niemals, niemals kann es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. - Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.

Diese Distanz ist typisch für die Untertanen eines Großreiches, mußte aber im Austausch für eine starke zentrale Regierung in Kauf genommen werden. Die böhmischen Juden unterstützten die zentrale Regierung unter Franz Josef, denn der versuchte die Erstarkung der antisemitischen Jungtschechen und der antitschechischen Österreich-Deutschen zu unterdrücken und das Reich in seinen ursprünglichen Grenzen zusammenzuhalten. Sie waren die treuesten! An anderer Stelle beschreibt das Verhältnis von Distanz und Zusammenhalt so:

Wenn man aus solchen Erscheinungen folgern wollte, daß wir im Grunde keinen Kaiser haben, wäre man von der Wahrheit nicht weit entfernt. Immer wieder muß ich sagen: Es gibt vielleicht kein kaisertreueres Volk als das unsrige im Süden, aber die Treue kommt dem Kaiser nicht zugute. Zwar steht auf der kleinen Säule am Dorfausgang der heilige Drache und bläst huldigend seit Menschengedenken den feurigen Atem genau in die Richtung von Peking - aber Peking selbst ist den Leuten im Dorf viel fremder als das jenseitige Leben.

2.1.5. Die Mauer als Schutzzaun gegen Eindringlinge, aber auch als Grenze der eigenen Expansion

In der Erzählung "Beim Bau der Chinesischen Mauer" denkt der volkskundlich belesene Miterbauer der Großen Mauer über den Zweck dieses Bauwerks nach und kommt zu dem Schluss, dass der Bau der Mauer in Wahrheit eine Maßnahme ist, die das weit verstreute Volk zusammenhält:

Wie ewig hoffende Kinder nahmen sie dann von der Heimat Abschied, die Lust, wieder am Volkswerk zu arbeiten, wurde unbezwinglich. Sie reisten früher von Hause fort, als es nötig gewesen wäre, das halbe Dorf begleitete sie lange Strecken weit. Auf allen Wegen Gruppen, Wimpel, Fahnen, niemals hatten sie gesehen, wie groß und reich und schön und liebenswert ihr Land war. Jeder Landmann war ein Bruder, für den man eine Schutzmauer baute, und der mit allem was er hatte und war, sein Leben lang dafür dankte. Einheit! Einheit! Brust an Brust, ein Reigen des Volkes, Blut, nicht mehr eingesperrt im kärglichen Kreislauf des Körpers, sondern süß rollend und doch wiederkehrend durch das unendliche China.

Das Motiv der Mauer in dieser Geschichte hat sehr viele Facetten: Da ist zunächst diese Art, sie zu erbauen, die scheinbar zur Schaffung eines Gemeinschaftsgefühles in der Bevölkerung beitragen soll. Sowohl China als auch Österreich hatten Instrumente geschaffen, die die überdimensionierten Staaten über lange Phasen zusammen halten konnten: die Beamtensysteme, die Reichsidee, die Armeen, die Einzigartigkeit ihrer Reiche in der Geschichte. Die Mauer steht für das alles. Die Mauer an sich, ein Schutzwall gegen die Barbaren aus dem Norden, wird in ihrer Notwendigkeit allerdings angezweifelt.

Gegen wen sollte die große Mauer schützen? Gegen die Nordvölker. Ich stamme aus dem südöstlichen China. Kein Nordvolk kann uns dort bedrohen. Wir lesen von ihnen in den Büchern der Alten, die Grausamkeiten, die sie ihrer Natur gemäß begehen, machen uns aufseufzen in unserer friedlichen Laube. Auf den wahrheitsgetreuen Bildern der Künstler sehen wie diese Gesichter der Verdammnis, die aufgerissenen Mäuler, die mit hoch zugespitzten Zähnen besteckten Kiefer, die verkniffenen Augen, die schon nach dem Raub zu schielen scheinen, den das Maul zermalmen und zerreißen wird. Sind die Kinder böse, halten wir ihnen diese Bilder hin und schon fliegen sie weinend an unseren Hals. Aber mehr wissen wir von den Nordländern nicht. Gesehen haben wir sie nicht, und bleiben wir in unserem Dorf, werden wir sie niemals sehen, selbst wenn sie auf ihren wilden Pferden geradeaus zu uns hetzen und jagen, - zu groß ist das Land und lässt sich nicht zu uns, in die leere Luft werden sie sich verrennen.

Allerdings hat jede Mauer zwei Seiten: die Außenseite und die Innenseite. Kafkas läßt seinen Erzähler scheinbar nur über die Außenansicht nachdenken. Aber sie kann auch eine Begrenzung von innen nach außen sein, eine Grenze der Expansion des Reiches. Ich habe im Zusammenhang mit dem Thema multiethnische Staaten schon auf das Motiv des Turmbaus zu Babel hingewiesen: Ein Gelehrter hat, so berichtet uns der Erzähler, eine waghalsige These aufgestellt: die Teilstücke der Mauer sollen schließlich gar nicht zu einer Mauer werden, sondern bilden das Fundament eines zweiten Babylonischen Turms:

Ein Turm, ein Gebäude weckt die Assoziation einer Begrenzung. Ich halte es für möglich, dass Kafka eine weitere gemeinsame Besonderheit von China und Österreich-Ungarn bemerkt hatte: Die Reiche waren im Laufe ihrer Geschichte zu sehr großen Ausmaßen gewachsen, sei es durch Eroberungen oder durch Heirat. Dann aber verharrten sie für lange Phasen in eben dieser Größe, ohne noch weiter zu expandieren, als ob sie den optimalen Umfang für multiethnische Staaten erreicht hätten: groß genug, um den vielen Volksgruppen Raum zu lassen und Distanz zum Herrscher zu schaffen, aber nicht so groß, dass die Regierungsmechanismen nicht mehr greifen können.

2.1.6. (Macht benötigt gesellschaftlichen Konsens - auch bei Kafka)

Kafka berührt noch einen weiteren Punkt, den ich in meiner Vorlesung im Sommer bereits einmal angerissen habe: Macht und Herrschaft benötigen den Konsens in der Gesellschaft. Hier noch eine Kostprobe der scharfsinnigen Analyse des tschechischen Intellektuellen, der Franz Kafka eben auch war:

Der namenlose Maurer der großen Mauer bemängelt die Fantasie der Bevölkerung, die sich das Jenseits eher vorstellen kann als den regierenden Kaiser in Peking und folgert:

Die Folge solcher Meinungen ist nun ein gewissermaßen freies, unbeherrschtes Leben. Keineswegs sittenlos, ich habe solche Sittenreinheit, wie in meiner Heimat, kaum jemals angetroffen auf meinen Reisen. - Aber doch ein Leben, das unter keinem gegenwärtigen Gesetze steht und nur der Weisung und Warnung gehorcht, die aus alten Zeiten zu uns herüberreicht.

Der Erzähler übersieht, was Kafka wohl nicht übersehen hat: zwar wähnt sich das Volk in der Geschichte "Beim Bau der Chinesischen Mauer" unbeobachtet und ohne Regierung, aber es lebt nach ganz klaren gesellschaftlichen Regeln. Es betrachtet Unruhe verständnislos und "glaubt" an den Kaiser, auch wenn es nicht sicher ist, wer damit gemeint sein könnte. Genau das ist gesellschaftlicher Konsens als Machtpol, Boden als Macht. Im "Bau der Chinesischen Mauer heißt es zum Schluß:

Eine Tugend ist also diese Auffassung wohl nicht. Um so auffälliger ist es, saß gerade diese Schwäche eines der wichtigsten Einigungsmittel unseres Volkes zu sein scheint; ja, wenn man sich im Ausdruck soweit vorwagen darf, geradezu der Boden auf dem wir leben. Hier einen Tadel ausführlich begründen, heißt nicht an unserem Gewissen, sondern, was viel ärger ist, an unseren Beinen rütteln. Und darum will ich in der Untersuchung dieser Frage vorderhand nicht weitergehen." Vorderhand - zwei Jahre später, 1918, war das Reich zerbrochen.

3.

Die widersprüchliche Figur des allwissenden und belesenen Maurers betrachtet zeitlich gesehen den Bau der Mauer und die Gesellschaft im Reich der Mitte über Jahrhunderte hinweg, geradezu aus göttlicher Perspektive, und räumlich gesehen mindestens aus der eines Vogels. Er tut gut daran, keine weiteren Schlüsse aus seinen Überlegungen zu ziehen, denn die Konsequenz wäre Ende des Konsenses und Auseinanderfallen des Reiches.

Franz Kafka spürte, dass der Zusammenbruch der Monarchie bevorstand und was danach kommen mußte. Er wußte, dass die Mauer kein ganzes mehr war, sondern nur noch die Zelle eines Ganzen.

In meiner nächsten Vorlesung im Januar wollen wir den Roman Tonka von Robert Musil lesen und uns der Donaumonarchie aus einer dritten Perspektive nähern.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen ein frohes Fest und ein gesundes neues Jahr.

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