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Über die Geburt des Krieges aus dem Geist der Lüge und des Selbstbetrugs
Vortrag von
Dr. Antje Vollmer
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages
anlässlich der Gastprofessur an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf
2000/2001
22. November 2000
Es gilt das gesprochene Wort
Sie erinnern sich, meine Damen und Herren, wir hatten uns im letzten Semester sehr lange und intensiv mit der Frage des Entstehens und der Abwehrstrategien von gesellschaftlicher Gewalt beschäftigt. Wir hatten uns damit beschäftigt, was eigentlich Macht ist, woher sie ihre Legitimation erhält, wo die Ursprünge und die Grenzen staatlicher Macht begründet sind. Wir hatten uns damit beschäftigt, dass sie nichts vermag, wenn es nicht einen gleichlaufenden Prozess der Normenfindung und Regelakzeptanz im gesellschaftlichen Bereich gibt. Wir hatten mit Staunen und Verwunderung diesen Prozess der Zivilisation zur Kenntnis genommen und darüber nachgedacht, was ihn unterstützt, und was ihn auch zerstören kann. Wir hatten uns intensiv damit beschäftigt, welche Rolle die Religionen im Prozess dieser innergesellschaftlichen Gewaltabwehr und zum Zwecke des Normenkonsenses beitragen könnten. Und schließlich hatten wir uns darüber unterhalten, dass alle diese Formen in bestimmter Weise der gesellschaftlichen Formation folgen, in der sie ihren Ursprung und ihren Entwicklungsprozess haben.
Alle diese Überlegungen führten uns immer wieder zu der Frage, ob die Menschheit in der einzigartigen Epoche, in der wir uns jetzt befinden, im Zeitalter der Globalisierung, eigentlich noch genügend Kraft hat um eine dieser Form entsprechende Zivilisation, eine ethische Übereinkunft und die notwendigen staatlichen Institutionen aufbauen zu können. Wir haben uns damit in ein sehr umfassendes, sehr grundsätzliches, sehr philosophisches Gebiet begeben. Und da das wirklich ein sehr weites Feld ist, möchte ich in diesem Semester einen völlig anderen Ansatz versuchen, einen engeren, einen begrenzteren, einen praktischeren und einen literarischen.
Ausgegangen bin ich dabei von einem Raum, der für die Geschichte Europas immer von zentraler Bedeutung war: Mitteleuropa und die Balkanregion. Es ist dieser Raum, dessen politische Form in der Regel misslang, der gleichzeitig die großen europäischen Kulturen und Tragödien am intensivsten durchlebt und durchlitten hat. Und nicht ganz zufällig ist dieser Raum kulturell ungeheuer kreativ gewesen. Man tut den anderen großen europäischen Kulturen sicher nicht Unrecht, wenn man sagt, dass sich hier wie in einem Spiegel die literarischen Talente, die visionären Utopisten stärker als anderswo konzentriert haben. Und merkwürdigerweise scheint da eine Entsprechung vorzuliegen. Wo die politische Form nicht gelingen will, wird die Kreativität freigesetzt. Drei Dichter habe ich aus diesem Raum ausgewählt, die Sie alle kennen, die Sie aber in der Regel kaum auf dem Hintergrund der Geschichte dieses Raumes zu verstehen gelernt haben werden. Es sind Karl Kraus (* Jicin, 28.04.1874), Robert Musil (*Klagenfurt, 06.11.1880) und Franz Kafka (*Prag, 03.07.1883).
Alle sind Zeitgenossen, alle drei wurden als Bürger de Habsburger Monarchie geboren. Alle drei haben den Zusammenbruch dieser Monarchie erlebt, wobei die Politik für sie in unterschiedlicher Intensität Gegenstand ihrer Werke war. Aber dass sich die gewaltigen historischen Umbrüche und Zusammenbrüche in ihrer unmittelbaren politischen Umgebung auf Person und Werk auswirken müssen, ist selbstverständlich. Wir werden sehen, wie unterschiedlich sich diese Umgebung im inneren Geist ihrer Werke spiegelt und wie unterschiedlich sich Gewalt und Gewalterfahrung, Zusammenbruch und Niederlage, aufkommende Massengesellschaft und industrielle Modernisierung, Massenhysterien, Massenaufbrüche und das Schicksal des Einzelnen in Reaktion darauf in ihren Werken wiederfinden.
Aber zunächst ein kurzer Blick auf die Zeitgeschichte und die Rolle, die darin die Donau-Monarchie gespielt hat. Die Donau-Monarchie hatte im Innern eine besondere Identität entwickelt, die viel mit der Rettung Europas und den Kernidentitäten europäischer Kultur zu tun hatte. Sie spielte eine zentrale Rolle, als es galt, den Vormarsch der Türken vor Wien aufzuhalten. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Verteidigung des katholischen Süd- und Mitteleuropa gegenüber dem protestantischen Nordeuropa, sie verstand sich als Zentralmacht, als es galt die Volksaufstände in Folge der französischen Revolution im Sinne der europäischen Großmächte beim Wiener Kongress zurückzudrängen, sie spielte eine entscheidende Rolle, den Versuch Napoleons zum Scheitern zu bringen, Europa unter eine einzige Herrschaft zu zwingen. Von daher verstand sich der Bürger der Habsburger Monarchie zugleich als Bürger eines europäischen Reiches der Mitte. Und wie das andere Reich der Mitte war auch die Habsburger Monarchie ein Vielvölkerstaat mit einer hochentwickelten beispielgebenden Kultur. Prag, Wien und Budapest sind bis heute Städte, deren Schönheit mit Paris, London und Madrid jederzeit wetteifern kann. Und deren Überlegenheit über beispielsweise die deutschen Städte nie in Frage stand. Als Vielvölkerstaat wog für die Habsburger Monarchie der Verlust an Kolonien weniger schwer als für das vermeintlich zu kurz gekommene Preußen. Gehörte doch zur Habsburger Monarchie nicht nur Ungarn, Galizien, die Tschechoslowakei und Norditalien, sondern auch die gesamte Balkanregion bis auf Albanien und Griechenland. Österreich-Ungarn war im Vergleich zu den anderen europäischen Mächten - insbesondere nach Verarbeitung der Niederlage gegenüber Preußen - durchaus ein modernes Land mit industriellen Schwerpunkten in Böhmen und Mähren, mit großen traditionsreichen Kulturlandschaften in Norditalien, mit einer durchaus aufgeklärten modernen Verwaltung landesweit, mit einem im ganzen Reich verteilten Ring von Garnisonsstädten und Verwaltungszentralen, mit einer künstlerischen Avantgarde in Wien, die von Jugendstil bis zur Formensprache der Wiener Werkstätten alles vorwegnahm, was später in Berlin kopiert wurde, mit weltweit bekannten Opernhäusern und Philharmonien.
Erst auf diesem Hintergrund lässt sich verstehen, was für ein dramatischer Einbruch im Bewusstsein seiner Bürger und Intellektuellen der Erste Weltkrieg und die dramatische und katastrophale Niederlage in diesem Weltkrieg bedeutete, die den Untergang des ganzen Reiches initiierte. Am Ende dieses nur vier Jahre dauernden Weltkrieges, der mit einer nicht dagewesenen Brutalität ausgefochten wurde (Gaskrieg), blieb von dem ganzen großen österreichisch-ungarischen Imperium faktisch nur eine gigantische Metropole übrig, die umgeben war von einem Kranz aus Alpendörfern. Nicht einmal der berühmte tschechische Nationalführer Masarik hatte je damit gerechnet, aus dem Ruin dieses Reiches mit einem eigenständigen tschechoslowakischen Nationalstaat hervorgehen zu können. Italien kam in den Genuss der Zuteilung der Gebiete von Triest und Udine, die bis heute auch ihren kulturellen Abstand zum südlichen Italien pflegen. Auf dem Balkan aber begann der nicht enden wollende Versuch, aus dem Völkergemisch ethnisch einigermaßen einheitliche Nationalstaaten zu schneidern, der, von der Tito-Zeit einmal abgesehen, bis heute nicht gelingt.
Wer einen historischen Vergleich für diesen dramatischen Zerfall einer staatlichen Großorganisation sucht, kann allenfalls an die Nachfolgekämpfe und Wirren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion denken, die ja tatsächlich viele Ähnlichkeiten mit der Dramatik in der Balkanregion hat. Allerdings hatte die Sowjetunion nur 70 Jahre bestanden, währen die KuK-Monarchie immerhin Hunderte von Jahren einer einigermaßen stabilen Entwicklung hinter sich hatte.
Wie musst sich dieses alles im Bewusstsein der Bürger und insbesondere der Intellektuellen spiegeln? Aus allen Teilen des Reiches strömten die arbeits- und aufgabenlos gewordenen Funktionseliten der Donau-Monarchie nach Österreich zurück: Eine ruhmlose Armee, die von der Nobelexistenz in Garnisonsstädten reduziert wurde auf ein sinnloses Existieren als Operettenarmee im Zentrum eines Winzlingsreiches. Das Heer der Verwaltungsbeamten, für das es keine Verwendung mehr gab. Die Fülle von städtischen bürgerlichen Existenzen, die wenig gemein hatten mit dem Bewusstsein der österreichischen Bergbauern in den überwiegend ländlichen Regionen, die dem Rest Österreichs verblieben waren. Eine Arbeiterschaft, deren Ressentiments und Chauvinismen gegen die Tschechen, die Slawen, die Ungarn, die Serben ebenso ungebremst waren wie gegenüber den siegreichen Völkern.
Dies alles ist das Ideen- und Schicksalsgemisch des Wiens nach der Jahrhundertwende, in dem Karl Kraus gelebt und gearbeitet hat. Und damit kommen wir zum ersten unserer Dichter, dem politischsten unter den Dreien, die wir als literarische Zeitzeugen für den Verfall einer europäischen Großmacht ausgewählt haben.
Nicht unwichtig ist, woher Karl Kraus kommt. Er kommt aus der nordböhmischen Stadt Jicin, einst eine Lieblingsresidenz Wallensteins. Die Stadt wird nach dem ersten Weltkrieg Teil der Tschechoslowakei. Er kommt aus einer jüdischen, deutschsprachigen Kaufmannsfamilie, die 1877 nach Wien übersiedelt. Dieses Wien ist für einen wachen, sensiblen, messerscharfen Intellekt der Ort aller politischen intellektuellen und literarischen Anregungen, aber es bleibt auch der Ort, mit dem Kraus sein Leben lang im Kampf liegt. Sein Lebenswerk ist der unerbittliche Blick auf Sprache und Geist seiner Umgebung und die schonungslose Bilanz der Selbstzerstörung, der Selbstaufgabe, die er zu beobachten sich gezwungen sieht.
Karl Kraus ist ein hochmoralischer Satiriker, mit einer absoluten Sprachmeisterschaft. Er ist auch ein sehr einsamer Mensch, der es in keiner anderen Redaktion freier Geister aushält als in seiner "Fackel". Um diese seine selbstgewählte Aufgabe durchzuhalten, suchte er sich einen Gegenort, eine Gegenwelt zum korrupten, seichten, amoralischen Wien. Es ist Park und Schloss Janowitz, ein Zauberberg in der Nähe von Prag, mit dessen Besitzerin ihn eine lebenslange Liebe Freundschaft verbindet. Dieses Janowitz hält er verborgen vor allen Wiener Freunden und Bekannten. Hier ist die Welt noch unzerstört, hoheitsvoll, natürlich. In diesem Janowitz schreibt er mitten im Kriege "Die letzten Tage der Menschheit", jenes Werk, in dem er die Ursachen des Zerfalls nicht nur der Habsburger Monarchie, sondern eigentlich des Zentrums Europas zu beschreiben versucht.
"Die letzten Tage der Menschheit" ist ein monumentales Drama, dessen erzählte Zeit sich über die Kriegsjahre 1914 bis 1918 erstreckt. In über 200 Szenen und mit etwa 500 Figuren legt Kraus seine Sicht der Ereignisse am Ende der Monarchie dar. Die Einzigartigkeit des Stücks besteht darin, dass es sich praktisch um eine Dokumentation handelt: ca. 50 Prozent des Hauptteils ist tatsächlichen Dokumenten, Akten und der Presse der damaligen Zeit wörtlich entnommen, und große Teile der Aussprüche und Dialoge hat Kraus auf Wiens Straßen gehört und notiert. Diese Momentaufnahmen hat er in vollendete Dramaform gebracht. Zur Orientierung und Führung des Lesers kommentiert die Figur des Nörglers, eine weitverbreitete Bezeichnung für den scharfen Satiriker Kraus selbst, in eingestreuten Monologen und Dialogen die Geschehnisse, wie es der Chor in klassischen Dramen zu tun pflegt. Im Vorwort zu diesem Stück schreibt Kraus:
Die Aufführung des Dramas, dessen Umfang nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen würde, ist einem Marstheater zugedacht. Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten. Denn es ist Blut von ihrem Blute und der Inhalt ist von dem Inhalt der unwirklichen, undenkbaren, keinem wachen Sinn erreichbaren, keiner Erinnerung zugänglichen und nur in blutigem Traum verwahrten Jahre, da Operettenfiguren die Tragödie der Menschheit spielten. Die Handlung in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos wie jene. Der Humor ist nur der Selbstvorwurf eines, der nicht wahnsinnig wurde bei dem Gedanken, mit heilem Hirn die Zeugenschaft dieser Zeitdinge bestanden zu haben. Außer ihm, der die Schmach solchen Anteils einer Nachwelt preisgibt, hat kein anderer ein Recht auf diesen Humor. Die Mitwelt, die geduldet hat, dass die Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht, zu lachen, hinter die Pflicht, zu weinen. Die unwahrscheinlichen Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen. Ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichen Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate. Sätze, deren Wahnwitz unverlierbar dem Ohr eingeschrieben ist, wachen zur Lebensmusik.
Betrachten wir im Folgenden die Hauptpunkte, die Kraus für den Zerfall der Monarchie und damit den Verfall der Kultur und Menschlichkeit überhaupt verantwortlich macht. Wir können sie in zwei Gruppen einteilen: Auf der einen Seite die Unaufrichtigkeit der Mächtigen, ihr Versagen als Herrscher und die Technik der Zerstörung, die im Krieg zu unmenschlichen Ausmaßen eskalierte; auf der anderen Seite finden sich die gesellschaftliche Phänomene der aufkommenden Massenkultur, des Verrats an der Sprache durch die Presse und der Verfall der Menschlichkeit.
Zunächst ist da die Lüge, der Selbstbetrug, die Korruption personifiziert in den Hofschranzen, den Bürokraten, den korrupten Staatseliten: Hören wir dazu beispielsweise den Chef des Sicherheitsbureaus Hofrat Stukart, der im Vorspiel seine Ansicht zum Fall des Attentats auf den Thronfolger Franz Ferdinand vorträgt:
Meine Anwesenheit versteht sich von selbst. Ganz abgesehen von meinem gesellschaftlichen Prestige, musste schon das rein kriminalistische Interesse meine Aufmerksamkeit auf diesen Fall lenken, dem ich vollkommen unbefangen gegenüberstehe, weil es sich um einen Mordfall handelt, aus dem es niemandem gelingen wird den Vorwurf der Reklamesucht gegen mich abzuleiten. In Wien wäre so etwas unmöglich gewesen. Ich will ja nicht leugnen, dass der geehrte Kollege in Sarajevo bis zu dem Attentat selbst eine ähnliche Taktik eingeschlagen hat, wie sie sich bei uns wiederholt bewährt hat, indem man von den Vorbereitungen zu einem Verbrechen entweder nichts weiß oder es ausreifen lässt, um es späterhin mit umso größerem Erfolge entdecken zu können. Aber der Kollege in Sarajevo hat eben diesen eigentlichen kriminalistischen Zweck, wenn er ihn selbst angestrebt hätte, bedauerlicherweise verfehlt. Wie anders hätte ich nach vollzogener Tat, weit über meine Dienstpflicht hinaus, mir den Fall anlegen lassen, indem unser Sicherheitsbureau fieberhaft gearbeitet und ich persönlich so lange die Fäden in meiner Hand gehalten hätte, bis es mir gelungen wäre, den Täter nach erfolgtem Geständnis unter Last der Beweise zusammenbrechen zu lassen, was dem geehrten Kollegen in Sarajevo dadurch, dass der Täter auf frischer Tat ergriffen wurde, bedauerlicher Weise nicht geglückt ist. Ich kann mir diese fatale Wendung nur aus Ungeschicklichkeit, vielleicht aus dem Übereifer des Attentäters, der sich der Verhaftung nicht widersetzte, oder aus einem unglücklichen Zufall erklären, der eben in diesem besonders beklagenswerten Falle die Tätigkeit der Polizei vollständig lahmgelegt hat. Da aber das Opfer des Täters an diesem katastrophalen Ausgang unschuldig ist, so wird man es begreiflich finden, dass meine Anwesenheit hier, wenn auch unter andern, bemerkt wird (1. Teil, 10.Szene,S. 36 f.).
Der Beamte ist von seiner Geltungssucht derart verblendet, dass er sich weder die Bedeutung des Attentats bewusst ist, das ja den Ersten Weltkrieg auslöst, noch seiner unlogischen Argumentation, die seinem Kollegen am Tatort vorwirft, den Mörder sofort festgenommen zu haben, anstatt in ordentlich kriminalistischer Manier erst die Beweislast zu vervollständigen, den Täter dadurch zum Geständnis zu zwingen und dann erst festzunehmen. Der Selbstbetrug vernebelt den Verstand der Leute und sie sehen das Grauen nicht mehr.
Eine zweite Ursache findet Kraus im Unvermögen der Herrscher. Lesen wir hierzu ein Stück aus einer der Unterhaltungen zwischen Optimist und Nörgler, die sich, wie gesagt, als Erklärer und Kommentatoren durch das ganze Stück zieht:
…(Es ist die Rede von Kaiser Franz Joseph)
Der Nörgler: Er ist tot? Nun, abgesehen davon, dass ich es, selbst wenn ichs wüsste, nicht glaubte, muss ich Ihnen schon sagen, dass es vor dem Weltgericht wirklich keine Würschtel gibt; dass es da einmal keine Protektion gibt, aber auch keine Pietät; dass man es sich dort wirklich nicht richten kann und vor allem, dass dort der Tod nicht so sehr einen Strafausschließungsgrund als eine Voraussetzung für das Urteil bildet. Auch möchte ich glauben, dass es gottgefälliger ist, der Majestät des Todes an den Gräbern von zehn Millionen Jünglingen und Männern Ehrfurcht zu bezeigen, von hunderttausenden Müttern und Säuglingen, die Hungers sterben mussten - als vor dem Grab in der Kapuzinergruft, das eben jenen Greis bedeckt, der das alles reiflich erwogen und mit einem Federstrich herbeigeführt hat; und dass vor jener Instanz auch das Qualenantlitz der überlebenden Menschheit gegen den einen Toten unerbittlich zeugen müsste. Denn dieses blutgemütliche Etwas, dem nichts erspart blieb und das eben darum der Welt nichts ersparen wollte, justament, sollen s' sich giften - beschloss eines Tages den Tod der Welt.
Der Optimist: Aber Sie glauben doch nicht, dass der Kaiser den Krieg gewollt hat? Er soll ja geäußert haben, dass man ihn drangekriegt hat! Der Nörgler: So ist es. Das gibt es. Ich meine nicht ihn, den man drankriegen konnte. Ich meine die den Wahnsinn dieser monarchischen Welten erschöpfende Möglichkeit, dass man ihn und uns drankriegen konnte.
Ich meine jenen blutdürstigen Dämon seines verfluchten Hauses, dessen Walten sich justament in diesem Kaiserbart manifestierte und in einer Gemütlichkeit, die eben das Blut, das sie nicht sehen konnte, vergossen hat; und dass dieser Lemurenstaat durch sieben Dezennien der Welt das Schaustück eines als Thron kachierten Leibstuhls bot, worauf sich die legendäre Dauerhaftigkeit eines Nichtvorhandenen breit machte. Von ihm in persona weiß ich nur, dass er mittelmäßig war und in Formen erstarrt. Aber eben diesen Gaben mussten im Verein mit tödlichen Giften der Zeit und dieses national verwirrten Landes ein übermäßiges Unglück heraufbeschwören. (Teil 2, IV. Akt, 29. Szene, S. 80 f.)
Und noch stärker drückt sich der Zweifel an den Fähigkeiten der Mächtigen weiter unten in demselben Dialog aus: Der Optimist: Worauf spielen Sie mit Ihrer Bemerkung über die für Thronfolgerreisen vorgesehenen Sicherheitsmaßnahmen an?
Der Nörgler: Darauf, dass man bezüglich des Ergebnisses der Sarajewoer Reise in Sicherheit war.
Der Optimist: Das sind Legenden. Gewiss ist es erstaunlich, dass der mächtigste Mann der Monarchie keinen vermehrten Schutz für die Reise durchsetzen konnte, aber -
Der Nörgler: - es ist begreiflich. Denn als er sich darum bemühte, war's nicht mehr bei seinen Lebzeiten. Ein Mächtiger, der dahin ist, hat keinen Einfluss.
Der Optimist: Er wurde doch aber erst ermordet nachdem
Der Nörgler: - seine Bemühungen erfolglos geblieben waren, ganz richtig. Also, wenn Sie auf der Chronologie bestehen: ein Mächtiger kann alles, nur nicht verhindern, dass er umgebracht wird.
Der Optimist: Sie wollen gewiss nicht behaupten, dass Franz Joseph, dem nichts erspart geblieben ist, seinen Neffen aus dem Weg räumen ließ. Dagegen ließe sich wohl beweisen, dass er die Nachricht von der Ermordung
Der Nörgler: - mit einem nassen, einem heitern Auge aufgenommen hat. Aus allerhöchstem Ruhebedürfnis wurde die Trauerfeier eingeschränkt und der Weltkrieg eröffnet. Die Menschheit hat ein Begräbnis erster Klasse erhalten.
Der Optimist: Die Ermordung eines Thronfolgers ist doch ein hinreichender Grund
Der Nörgler: - das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Dass die Spekulation missglückt ist und Österreich auf der Suche nach dem verlorenen Prestige in Verlust geriet, ist ein anderes Kapitel. Vor dem Weltgericht wird noch nach dem dolus eventualis judiziert. (Teil 2, IV. Akt, 29. Szene S. 81 f.)
Der Erste Weltkrieg als Folge von höfischen Intrigen und Mangel an Durchsetzungsvermögen der Mächtigen. Die eskalierende Kriegsmaschinerie mit ihren unmenschlichen Zerstörungsmethoden, die zum Teil die Grauen des zweiten Weltkriegs vorbereiten sollten, beobachtet und beschreibt Kraus sehr eindrücklich; hier in einer der Nörgler-Optimisten Unterhaltungen:
Der Optimist:Die Entwicklung der Waffe kann doch hinter den technischen Errungenschaften der Neuzeit unmöglich zurückbleiben.
Der Nörgler: Nein, aber die Phantasie der Neuzeit ist hinter den technischen Errungenschaften der Menschheit zurückgeblieben.
Der Optimist:Ja, führt man denn mit Phantasie Kriege?
Der Nörgler: Nein, denn wenn man jene noch hätte, würde man diese nicht mehr führen.
Der Optimist: Warum nicht?
Der Nörgler: Weil dann die Suggestion einer von einem abgelebten Ideal zurückgebliebenen Phraseologie nicht Spielraum hätte, die Gehirne zu benebeln; weil man selbst die unvorstellbarsten Greuel sich vorstellen könnte und im Voraus wüsste, wie schnell der Weg von der farbigen Redensart und von allen Fahnen der Begeisterung zu dem feldgrauen Elend zurückgelegt ist; weil die Aussicht, fürs Vaterland an der Ruhr zu sterben oder sich die Füße abfrieren zu lassen, kein Pathos mehr mobil machen würde; weil man mindestens mit der Sicherheit hinauszöge, fürs Vaterland Läuse zu bekommen. Und weil man wüsste, dass der Mensch die Maschine erfunden hat, um von ihr überwältigt zu werden, und weil man die Tollheit, sich von ihr töten zu lassen, übertrumpfen würde; weil der Mensch fühlte, dass er sich gegen einen Feind wehren soll, von dem er nichts sieht als aufsteigenden Rauch, und ahnte, dass die eigene Vertretung einer Waffenfabrik keinen hinreichenden Schutz gegen die Angebote der feindlichen Waffenfabrik gewährt. Hätte man also Phantasie, so wüsste man, dass es Verbrechen ist, das Leben dem Zufall auszusetzen, Sünde, den Tod zum Zufall zu erniedrigen, dass es Torheit ist, Panzerschiffe zu bauen, wenn man Torpedoboote baut, um sie zu überlisten, Mörser zu bauen, wenn man zum Schutz gegen sie Schützengräben baut, in denen nur jener verloren ist, der seinen Kopf früher heraussteckt, und die Menschheit auf der Flucht vor ihren Waffen in Mauselöcher zu jagen und sie einen Frieden fortan nur unter der Erde genießen zu lassen. Hätte man statt der Zeitung Phantasie, so wäre Technik nicht das Mittel zur Erschwerung des Lebens und Wissenschaft ginge nicht auf dessen Vernichtung aus. Ach, der Heldentod schwebt in einer Gaswolke und unser Erlebnis ist im Bericht abgebunden! 40.000 russische Leichen, die am Drahtverhau verzuckt sind, waren nur eine Extraausgabe, die eine Soubrette dem Auswurf der Menschheit im Zwischenakt vorlas, damit der Librettist gerufen werde, der aus der Parole des Opfermuts "Gold gab ich für Eisen" die Schmach einer Operette verfertigt hat. Die sich selbst verschlingende Quantität lässt nur noch Gefühl für das, was einem selbst und etwa dem räumlich nächsten zustößt, was man unmittelbar sehen, begreifen, betasten kann. Ist es denn nicht spürbar, wie aus diesem ganzen Ensemble, in dem mangels eines Helden jeder einer ist, sich jeder mit seinem Einzelschicksal davonschleicht? Nie war bei größerer Entfaltung weniger Gemeinschaft als jetzt. Nie war eine riesenhaftere Winzigkeit das Format der Welt. (Teil 1, I. Akt, 29. Szene S. 157/158)
Aber diese Beobachtungen kratzten nur an der Oberfläche. Wirkliche Besorgnis erregten bei Karl Kraus Phänomene die sich weit weg vom Herrscherhaus tief in der bürgerlichen Gesellschaft festgesetzt hatten und die die ganze Bevölkerung, besonders aber die Intellektuellen, die es doch besser hätten verstehen müssen, zu Mitschuldigen am Zerfall von Kultur und Menschlichkeit machten:
1. Die Massenkultur: Karl Kraus lässt sowohl das Vorspiel als auch alle fünf Akte mit Szenen auf der Wiener Ringstrasse beginnen, wo er die Bürger zu Wort kommen lässt.
Hier ein Ausschnitt aus einer solchen Szene zu Beginn des ersten Akts:
Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee - !
Zweiter Zeitungsausrufer: Extraausgabee! Beidee Berichtee!
Ein Demonstrant: (der sich von einer Gruppe den Prinz Eugen-Marsch singender Leute herauslöst, ruft mit hochrotem Gesicht und schon ganz heiser unaufhörlich): Nieda mit Serbieen! Nieda! Hoch Habsburg! Hoch! Hoch Serbieen!
Ein Gebildeter (den Irrtum bemerkend, versetzt ihm einen Rippenstoß): Was fällt Ihnen denn ein
Der Demonstrant (anfangs verdutzt, besinnt sich): Nieda mit Serbieen! Nieda! Hoch! Nieda mit Habsburg! Serbieen!
(Im Gedränge einer zweiten Gruppe, in die auch eine Prostituierte geraten ist, versucht ein "Pülcher", der dicht hinter ihr geht, ihr die Handtasche zu entreißen.)
Der Pülcher (ruft dabei unaufhörlich): Hoch! Hoch!
Die Prostituierte: Loslassen! Sie unverschämter Mensch! Loslassen oder
Der Pülcher (von seinem Vorhaben ablassend): Wos rufn S' denn net hoch? Sie wollna Padriodin sein? A Hur san S', mirken S' Ihna das!
Die Prostituierte: A Taschelzieher san S'!
Der Pülcher: A so a Schlampen - jetzt is Krieg, mirken S' Ihna das! A Hur san S'!
Ein Passant: Burgfrieden, wenn ich bitten darf! Halten S' an Burgfrieden!
Die Menge: (aufmerksam werden): A Hur is! Was hat's gsagt?
Ein zweiter Passant: Wenn mr recht vurkummt, so hat s' was gegen das angestaamte Herrscherhaus gsagt!
Die Menge: Nieda! Hauts es! (Dem Mädchen ist es gelungen, in einem Durchhaus zu verschwinden.) Laßts es gehn! Mir san net aso! Hoch Habsburg!
Ein Reporter (zu seinem Begleiter): Hier scheinen Stimmungen zu sein. Was tut sich?
Der zweite Reporter: Ma werd doch da sehn.
Ein Armeelieferant (hat mit einem zweiten eine Ringstraßenbank bestiegen): Da sehn wir sie besser. Wie schön sie vorbeimarschieren, unsere braven Soldaten!
Der Zweite: Wie sagt doch Bismark, steht heut in der Presse, unsere Leut sind zum Küssen.
Der Erste: Wissen Sie, dass sogar Eislers Ältester gekommen ist?
Der Zweite: Was Sie nicht sagen! Das hat die Welt nicht gesehen! So reiche Leute auch. Dass sich da nichts machen hat lassen?
Der Erste: Es heißt, sie versuchen jetzt. Wahrscheinlich wird er hinaufgehn und sichs richten.
Der Zweite: Und im äußersten Fall - Sie wern sehn, jetzt wird er ihm doch das Automobil kaufen, was er sich hat in den Kopf gesetzt.
Der Erste: Kann man auch verunglücken.
Ein Passant: Habe die Ehre, Herr Generaldirektor!
Ein anderer Passant (zu seinem Begleiter): Hast gehört! Weißt, wer das ist? Ein Generaldirektor in Zivil. Da muss man vorsichtig mit'n Reden sein. Das ist nämlich der Vorgesetzte von die Generäle.
Ein Offizier (zu drei anderen): Grüß dich Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, also du - du bist ja politisch gebildet, also was sagst?
Zweiter Offizier (mit Spazierstock): Weißt, ich sag, es is alles wegen der Einkreisung.
Der Dritte: Weißt - also natürlich.
Der Vierte: Ganz meine Ansicht - gestern hab ich mullatiert - ! Habts das Bild vom Schönpflug gsehn, Klassikaner!
Der Dritte: Weißt, in der Zeitung steht, es war unanwendbar.
Der Zweite: Unabwendbar steht.
Der Dritte: Natürlich unabwendbar, weißt ich hab mich nur verlesen. Also was is mit dir?
Der Vierte: No weißt ich hab halt also Aussicht ins KM.
Der Erste: No bist a Feschak, kommst halt zu uns. Du gestern war ich dir im Apollo bei der Mela Mars - hat mir der Nowak von Neunundfünziger gsagt er hat ghört ich bin eingegeben für die Silberne.
Ein Zeitungsausrufer: Tagblaad! Kroßer Sick bei Schaabaaz!
...
Ein Wiener: (hält von einer Bank eine Ansprache): -- denn wir mussten die Manen des ermordeten Thronfolgers befolgen, da hats keine Spompanadeln geben - darum, Mitbürger, sage ich auch -wie ein Mann wollen wir uns mit fliehenden Fahnen an das Vaterland anschließen in dera großen Zeit! Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden! Mir führn einen heilinger Verteilungskrieg führn mir! Also bitte - schaun Sie auf unsere Braven, die was dem Feind jetzt ihnere Stirne bieten, ungeachtet, schaun S' weil s' da draußen stehn vor dem Feind, weil sie das Vaterland rufen tut, und dementsprechend trotzen s' der Unbildung jeglicher Witterung - draußen stehn s', da schaun S' Ihner s' an! Und darum sage ich auch - es ist die Pflicht eines Jedermann, der ein Mitbürger sein will, stantape Schulter an Schulter sein Scherflein beizutrageen. Dementsprechend! Da heißt es, sich ein Beispiel nehmen, jawoohl! Und darum sage ich auch - ein jeder von euch soll zusammenstehn wie ein Mann! Dass sie's nur hören die Feind, es ist ein heilinger Verteilungskrieg, was mir führn! Wiar ein Phönix stehma da, de s' nicht durchbrechen wern, dementsprechend - mir san mir und Österreich wird auferstehn wie ein Phallanx ausm Weltbrand sag ich! Die Sache für die wir ausgezogen wurden, ist eine gerechte, da gibts keine Würschteln, und darum sage ich auch, Serbien - muss sterbien! (Teil 1, I. Akt, 1. Szene S. 41 ff.)
…
Die aufgeheizte Wiener Stimmung zu Beginn des Ersten Weltkriegs plastisch eingefangen: Dümmliches nachplappern von Kriegspropaganda, Lynchtendenzen, Kriecherei. Die einzige der Figuren in dieser Szene, der man eventuell mehr Reflexion über die Lage zutrauen könnte, ist der Gebildete. Aber der produziert nichts als Eitelkeiten.
Karl Kraus hat sich sein ganzes Leben mit den Intellektuellen von Wien auseinandergesetzt. In der Regel kam es zum Konflikt, denn keiner konnte seinen hohen moralischen Ansprüchen genügen. Ganz besonders scharf kritisierte er die Presse, die erheblich zum Krieg und zur Kriegshysterie beigetragen hatte und so den Verfall der Menschlichkeit beschleunigte. In "Die letzten Tage der Menschheit" gibt es unzählige Beispiele für die korrupte Presse, hier ein Ausschnitt aus dem ersten Akt, 14. Szene:
In der Wohnung der Schauspielerin Elfriede Ritter, die soeben aus Russland zurückgekehrt ist. Halb ausgepackte Koffer. Die Reporter Füchsl, Feigl und Halberstam halten ihre Arme und dringen auf sie ein.
Alle Drei (durcheinander): Haben Sie Spuren von Nagaikas? Zeigen Sie her! Wir brauchen Einzelheiten, Details. Wie war das Moskowitertum? Haben Sie Eindrücke? Sie müssen furchtbar zu leiden gehabt haben, hören Sie, Sie m ü s s e n !
Füchsl: Schildern Sie Eindrücke von Ihrem Aufenthalt fürs Abendblatt!
Halberstam: Geben Sie die Stimmung von der Rückfahrt fürs Morgenblatt!
Elfriede Ritter (spricht norddeutsch, lächelnd): Meine Herren, ich danke für Ihr teilnahmvolles Interesse, es ist wirklich rührend, dass mir meine lieben Wiener ihre Sympatien bewahrten Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie sich sogar persönlich bemüht haben. Ich wollte ja auch gern mit Kofferauspacken warten, aber ich kann Ihnen beim besten Willen, meine Herren, nichts anderes sagen, als dass es sehr, sehr interessant war, dass mir gar nichts geschehen ist, na was denn noch, dass die Rückfahrt zwar langwierig, aber nicht im mindesten beschwerlich war und (schalkhaft) dass ich mich freue, wieder in meinem lieben Wien zu sein.
Halberstam: Interessant - also eine langwierige Fahrt, also sie gibt zu
Feigl: Beschwerlich hat sie gesagt
Füchsl: Warten Sie, die Einleitung hab ich in der Redaktion geschrieben - Moment - (schreibend) Aus Qualen der russischen Gefangenschaft erlöst, am Ziele der langwierigen und beschwerlichen Fahrt endlich angelangt, weinte die Künstlerin Freudentränen bei dem Bewusstsein, wieder in ihrer geliebten Wienerstadt zu sein
Elfriede Ritter (mit dem Finger drohend): Doktorchen, Doktorchen, das habe ich nicht gesagt, im Gegenteil, ich habe doch gesagt, dass ich mich über nichts, über gar nichts beschweren konnte
Füchsl: Aha! (schreibend) Die Künstlerin blickt heute mit einem gewissen ironischen Gleichmut auf das Überstandene zurück.
Elfriede Ritter: Ja, aber was denn - da muss ich doch sagen - nee, Doktor, ich in empört
Füchsl (schreibend): Dann aber, wenn der Besucher ihrer Erinnerung nachhilft, packt sie doch die Empörung. In bewegten Worten schildert die Ritter, wie ihr jede Möglichkeit, sich über die ihr zuteilgewordenen Behandlung zu beschweren, genommen war.
Elfriede Ritter: Aber Doktor, was treiben Sie denn - ich kann doch nicht sagen
Füchsl: Sie kann gar nicht sagen
Elfriede Ritter: Aber wirklich - ich kann doch nicht sagen
Halberstam: Aber gehn Sie, Sie wissen gar nicht, was man alles sagen kann! Liebe Freundin, schaun Sie her, das Publikum, verstehn Sie, will lesen. Ich sag Ihnen, Sie k ö n n en sagen. Bei uns ja, in Russland vielleicht nicht, hier herrscht Gottseidank Redefreiheit, nicht so wie in.19 Russland, hier kann man Gottlob alles sagen, über Zustände in Russland! Hat sich in Russland eine Zeitung um Sie gekümmert wie hier? No also! (Teil 1, I. Akt, 14. Szene S.94 f.)
Die Schauspielerin beharrt auf ihrer Wahrheit, bis die Journalisten sie schließlich überzeugen:
Feigl: Sie ist imstand und schickt uns noch eine Berichtigung!
Füchsl: Sie machen Sie keine Geschichten das kann Ihnen schaden!
Feigl: Machen Sie sich nicht unglücklich!
Halberstam: Wann hat sie denn wieder eine Rolle?
Füchsl: Wenn ich das Samstag beim Repertoire dem Direktor erzähl, kriegt die Berger das Gretchen, das garantier ich Ihnen.
…
Elfriede Ritter: Das heißt - pardon - ich habe nämlich - geglaubt, es sei die Wahrheit - wenn Sie aber - meine Herren - glauben -dass es - nicht die Wahrheit ist - Sie sind ja die Redakteure - Sie - müssen ja - das - besser verstehen. Wissen Sie - ich als Frau hab ja gar nicht mal so den rechten Überblick, nicht wahr? Mein Gott - Sie verstehn -es ist doch Krieg - unsereins ist so verschüchtert - man ist so froh, wenn man nur mit heiler Haut aus Feindesland
Halberstam: No sehn Sie, wenn Sie sich erinnern nach und nach - (Teil 1, I. Akt, 14. Szene S.95)
…
Die Presse produziert ihre eigene Wahrheit, eine Beobachtung, die auch heute noch aktuell ist. In Bezug auf unsere Frage nach Gewalt ist auch eine andere Szene sehr interessant: Alice Schalek war eine begeistere Kriegsberichterstatterin für die "Neue Freie Presse". Karl Kraus verabscheute ihre begeisterten Berichte von der Front, in denen sie die Massaker als "Putzen der Schützengräben" beschrieb. Er bezeichnete sie als "Monstrum von einem Bramarbas mit Lorgnon":
Südwestfront. Ein Stützpunkt auf einer Höhe von mehr als dritthalbtausend Meter. Der Tisch ist mit Blumen und Trophäen geschmückt.
Der Beobachter: Sie kommen schon!
Die Schalek (an der Spitze einer Schar von Kriegsberichterstattern): Ich sehe, man hat feierliche Vorbereitungen zu unserem Empfange getroffen. Blumen! Die sind wohl den Herren Kollegen zugedacht, die Trophäen mir! Ich danke euch, meine Braven. Wir sind bis zu diesem Stützpunkt vorgestoßen, es ist nicht viel, aber immerhin. Man ist schon zufrieden, dass er wenigstens vom Feind eingesehen ist. Meinen großen Wunsch, einen exponierten Punkt besuchen zu dürfen, konnte der Kommandant leider nicht erfüllen, weil das den Feind aufregen könnte, sagte er.
Ein Standschütze (spuckt aus und sagt): Grüaß Gott.
Die Schalek: Gott wie interessant. Wie gemalt sitzt er da, wenn er kein Lebenszeichen gäbe, so müsste er von Defregger sein, was sag ich, von Egger-Lienz! Mir schein, es hängt sogar ein schlau verstohlenes Zwinkern im Auge. Der einfache Mann, wie er leibt und lebt! Lasst euch, ihr Braven, erzählen, was wir erlebt haben, bis wir zu euch vorgedrungen sind. Also die sonst so belebte Talstraße gehört unbestritten dem Kriegspressequartier. Oben auf dem Joch, da hab ich zum erstenmal etwas wie Genugtuung gefühlt beim Anblick der Verwandlung eines Dolomitenhotels in ein Militärquartier. Wo sind jetzt die geschminkten, spitzenumwogten Signoras, wo ist der welsche Hotelier? Spurlos verschwunden. Ah, das tut wohl! De Offizier, der uns geführt hat, hat eine Weile überlegt, welche Spitze für uns wohl die geeignetste sei. Er schlug eine vor, die am wenigsten beschossen wird, damit waren natürlich die Herren Kollegen einverstanden, ich aber sagte: nein, da tu ich nicht mit; und so sind wir schließlich hier heraufgekommen. Das ist doch das mindeste. Beantworten Sie mir bitte jetzt nur die eine Frage: Wieso habe ich vor dem Kriege alle die prächtigen Gestalten niemals gesehen, denen ich nun täglich begegne? Der einfache Mann ist einfach eine Sehenswürdigkeit! In der Stadt - Gott wie fad! Hier ist jeder eine unvergessliche Erscheinung. Wo ist der Offizier?
Der Offizier (von innen): Beschäftigt.
Die Schalek: Das macht nichts. (Er erscheint. Sie beginnt ihm die Einzelheiten förmlich aus dem herb verschlossenen Mund zuziehen. Nachdem es geschehen ist, fragt sie:) Wo ist der Ausguck? Sie müssen doch einen Ausguck haben? Wo ich noch hingekommen bin, war in dem Graben des Beobachters zwischen den Moosdeckungen ein fünf Zentimeter breiter Ausguck für mich frei. Ach, hier ist er! (Sie stellt sich zum Ausguck.)
Der Offizier (schreiend): Ducken! (Die Schalek duckt sich.) Die drüben wissen ja nicht, wo wir Beobachter sitzen, ein Stück Nase kann uns verraten.
(Die männlichen Mitglieder des Kriegspressequartiers greifen nach ihren Taschentüchern und halten sie vor.)
Die Schalek (beiseite): Feiglinge! (Die Batterie beginnt zu arbeiten) Gott sei Dank, wir kommen gerade recht. Jetzt beginnt ein Schauspiel - also jetzt sagen Sie mit Herr Leutnant, ob eines Künstlers Kunst spannender, leidenschaftlicher diese Schauspiel gestalten könnte. Jene, die daheim bleiben, mögen unentwegt den Krieg die Schmach des Jahrhunderts nennen - hab' ich's doch auch getan, solange ich im Hinterland saß - jene, die dabei sind, werden aber vom Fieber des Erlebens gepackt. Nicht wahr Herr Leutnant, Sie stehen doch mitten im Krieg, geben Sie zu, manch einer von Ihnen will gar nicht, dass er ende!
Der Offizier: Nein, das will keiner. Darum will jeder, dass er ende.
(Man hört das Sausen von Geschossen: Ssss---)
Die Schalek: Sss -! Das war eine Granate.
Der Offizier: Nein, das war ein Schrapnell. Das wissen Sie nicht?
Die Schalek: Es fällt Ihnen offenbar schwer, zu begreifen, dass für mich die Tonfarben noch nicht auseinanderstreben. Aber ich werde auch das noch lernen. - Mir scheint, die Vorstellung ist zu Ende. Wie schade! Es war erstklassig.
Der Offizier: Sind Sie zufrieden?
Die Schalek: Wieso zufrieden? Zufrieden ist gar kein Wort! Nennt es Vaterlandsliebe, ihr Idealisten; Feindeshass, ihr Nationalen; nennt es Sport, ihr Modernen; Abenteuer, ihr Romantiker; nennt es Wonne der Kraft, ihr Seelenkenner -ich nenne es frei gewordenes Menschentum.
Der Offizier: Wie nennen Sie es?
Die Schalek: Freigewordenes Menschentum.
Der Offizier: Ja wissen Sie, wenn man nur wenigstens alle heiligen Zeiten einmal einen Urlaub bekäme!
Die Schalek: Aber dafür sind Sie doch durch die stündliche Todesgefahr entschädigt, da erlebt man doch was! Wissen Sie, was mich am meisten Interessiert? Was denken Sie sich, was für Empfindungen haben Sie? Es ist erstaunlich, wie leicht die Männer auf dritthalbtausend Meter Höhe nicht nur ohne Hilfe von uns Frauen, sondern auch ohne uns selbst fertig werden.
Eine Ordonnanz (kommt): Melde gehorsamst, Herr Leutnant, Zugführer Hofer ist tot.
Die Schalek: Wie einfach der einfache Mann das meldet! Er ist blass wie ein weißes Tuch. Nennt es Vaterlandsliebe, Feindeshass, Sport, Abenteurer oder Wonne der Kraft -ich nenne es frei gewordenes Menschentum. Ich bin vom Fieber des Erlebens gepackt! Herr Leutnant, also sagen Sie, was denken Sie sich jetzt, was für Empfindungen haben Sie? (Teil 1, I. Akt, 26. Szene, S. 140ff.)
Die verlogene und verblendete Presse, die Unreflektiertheit der Intellektuellen ist Karl Kraus zuwider. Die Journalisten, die sich der Propaganda verschrieben hatten, halfen, den Krieg zu entfachen und schürten ihn kräftig. Der folgende Brief einer Soldatenbraut mag für den Irrsinn und den Verlust von jeglicher Vernunft als Beispiel dienen:
Im Dorfe Postabitz.
Eine Frau (sitzt am Tisch und schreibt):
Inigsgelibter Gatte!
Ich theile Dir mit, dass Ich mich verfelt habe. Ich kann nichs Dafür, lieber Gatte. Du verzeist mir schon alles, was ich Dir mittheile. Ich bin in Hoffnung gerathen, von einem andern. Ich weis ja, das Du gut bist und mir alles verzeist. Er hat mich überredet und sagte, Du komst so nicht mehr zurück vom Felde und hatte dazu meine schwache Stunde. Du kennst ja die weibliche Schwäche und kanst nichts Besseres als verzeihen, es ist schon passiert. Ich dachte mir schon, Dir muss auch schon was passiert sein, weil Du schon 3 Monat nichts mehr geschrieben hast. Ich bin ganz verschrocken, als ich Deinen Brief erhalten habe und Du noch am Leben warst. Ich wünsche es dir aber verzeihe es mir, lieber Franz, vileicht stirbt das Kind und dan ist alles wieder gut. Ich mag diesen Kerl nicht mehr, weil ich weis, das Du noch am Leben bist. Bei uns ist alles sehr teuer, es ist gut, dass Du fortbist, im Feld kostet Dich wenigstens das Essen nichts. Das Geld, was Du mir geschickt hast, kann ich sehr notwendig gebrauchen. Es grüßt Dich nochmals Deine Dir unvergessliche Frau
Anna. (Teil 2, V. Akt, 34. Szene S. 188/189)
Karl Kraus hat mit einzigartigem Scharfsinn die Verlogenheit, die zum Ersten Weltkrieg führte, auf den Punkt gebracht. Er führt uns eine Gesellschaft vor dem Abgrund vor. Die Erfahrung von zwei Weltkriegen und unzähligen weiteren Kriegen in und um Europa haben nicht dazu beigetragen, die Gewalt in der Gesellschaft zu überwinden. Im Gegenteil, gerade in den Zeiten nach Umbruch, Krise, Krieg, brechen allerorts neue Spielarten der Gewalt aus. Der Mensch scheint kaum dazu beschaffen, aus seinen Erfahrungen zu lernen.
Karl Kraus starb vor dem zweiten Weltkrieg, hatte ihn aber ganz klar vorausgesehen und vor ihm gewarnt. Niemand hat ihn ernst genommen. Karl Kraus ist der erste in unserer kleinen Serie von Schriftstellern. Er war der Politiker unter den Literaten der Donaumonarchie. Beim nächsten Mal wollen wir uns mit Franz Kafka beschäftigen, der einen vollkommen anderen Ansatz von Reflexion gewählt hat.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.