Dr. Antje Vollmer

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Tibet - Dalai Lama

Interview -  DIE ZEIT vom 8. November 2007

"Ein Trumpf, der Tibet wenig nutzt"

DIE ZEIT: Frau Vollmer, die Bundeskanzlerin hat den Dalai Lama im Kanzleramt, empfangen. Weder Gerhard Schröder noch Helmut Kohl hat dies je getan. Haben Sie ihr zu ihrer Courage gratuliert?

Antje Vollmer: Nein, ich hielt diesen Empfang für einen Fehler.

ZEIT: Warum?

Vollmer: Nicht zur rechten Zeit geleistetes politisches Dissidententum kann man nicht im Kanzleramt nachholen. Die tatsächlich existierenden Möglichkeiten einer deutschen Bundeskanzlerin, auf die Chinesen Druck zu machen, die Rückkehr des Dalai Lama doch noch zu ermöglich, schrumpfen aber dadurch gegen null. Gerade die deutsche Politik hätte aber Chancen gehabt, dies zu befördern.

ZEIT: Angela Merkel hat der tibetischen Sache geschadet?

Vollmer: Sie hat dem Dalai Lama einen Empfang bereitet, der ihr in der deutschen Öffentlichkeit bis hin zur BILD-Zeitung gute Bilder und eine gute Presse beschert hat. Aber von einer politischen Initiative, von echter Diplomatie ist dies weit entfernt.

ZEIT: Was hätte sie statt dessen machen sollen?

Vollmer: Ich glaube, dass fast die letzte Chance für eine Rückkehr des Dalai Lama zu seinen historischen Wurzeln nach Lhasa, wo vier Millionen Tibeter sehnsüchtig und inbrünstig auf ihn warten, in diesem letzten Jahr vor den Olympischen Spielen besteht. Der Schlüssel für die politische Lösung der Tibet-Frage liegt aber nicht in Washington, er liegt auch nicht in Berlin, er liegt in Peking. Gerade in der Vorphase der Olympiade hat in Peking ein kleines Interesse bestanden, sich in der Tibet-Frage zu bewegen. Denn diese Olympischen Spiele haben für das Selbstbewußtsein der Chinesen eine gigantische Bedeutung. Die Tibet-Frage ist dabei ein ständiger Stachel im Fleisch.

ZEIT: Wie kann eine Lösung der Tibet-Frage aussehen?

Vollmer: Die Chinesen fürchten zu Recht, dass bei den Spielen viele Sportler mit Tibet-Fähnchen auf das Siegerpodest gehen, dass alle Besucher von der Tibet-Frage reden, dass also das von Peking gewünschte Bild eines Landes im Aufbruch, auch eine gewisse Anerkennung für ihre Reformen und die tiefgreifenden Veränderungen des Landes, in den Schatten dieser einen Tibet-Frage geraten könnte.

ZEIT: Sie vertrauen darauf, dass die Chinesen aus eigenem Interesse, ohne Druck von außen, in der Tibet-Frage nachgeben, weil sie sich davon ein besseres Image versprechen?

Vollmer: Nein, ich setze durchaus auf Druck von außen – zum richtigen Moment. Es hat ja in den vergangenen Jahren erneut Gespräche gegeben, zwischen den Chinesen und den Vertrauten des Dalai Lama. In der Fortsetzung dieser Gespräche hätte vielleicht eine diplomatische Lösung gefunden werden können, z. B. ein Besuch des Dalai Lama in Tibet oder eine Zeitperspektive für eine wirkliche Rückkehr nach Lhasa. Dann muss man aber auch seriös verhandeln. Wenn man jedoch, während solche Gespräche stattfinden, gleichzeitig Showeffekte inszeniert, wie den Besuch des Dalai Lama bei Bush und bei Merkel, dann sehen die Chinesen darin einen Gesichtsverlust, dann steigert sich ihr Mißtrauen und ihr Zorn in Richtung Weißglut. Man muss deswegen ernsthaft die Frage stellen: Welchem Zweck dient das eigentlich?

ZEIT: Diese Überlegungen könnte ja auch der Dalai Lama anstellen. Warum läßt er sich dann innerhalb von vier Wochen gleich von vier Regierungschefs empfangen: vom österreichischen Bundeskanzler Gusenbauer, von Frau Merkel, von Präsident Bush und vom kanadischen Premierminister Harper? Will er keine Lösung?

Vollmer: Vielleicht hält er sie selbst nicht mehr für möglich und setzt auf andere Ziele. Meine erste Frage aber ist, warum inszeniert der Westen, der früher immer so zögerlich war, das jetzt so demonstrativ und in einem so kurzen Zeitraum? Es gibt westliche Strategien gegenüber China, und die Tibet-Frage kann eine Trumpfkarte im großen weltstrategischen Poker mit China werden. Das muss nicht unbedingt die Karte sein, die dem realen Schicksal der Tibeter am meisten nutzt.

ZEIT: Glauben Sie wirklich, dass sich Frau Merkel oder Herr Gusenbauer in der Tibet-Frage von der amerikanischen Administration instrumentalisieren lassen?

Vollmer: Nein, viel schlichter: sie sehen die Sache innenpolitisch. Beide wissen, dass der Dalai Lama eine von den Medien hochgehandelte Popikone ist, neben Bono, Al Gore u.a. eine weitere Figur im Wunderland der besonderen Menschen. Aber je größer die allgemeine Zustimmung ist, desto unruhiger werde ich: Wo bleibt das politische Ziel, nämlich, dass der Dalai Lama als politischer und religiöser Führer wieder bei seinen Tibetern ist? Er war Anfang zwanzig, als er sein Land verließ. Das ist jetzt fast fünfzig Jahre her. Ich kenne keinen Führer eines Volkes, der auf Dauer aus dem Exil sein eigenes Volk auch spirituell und geistig anleiten konnte. Das war anders bei Nelson Mandela, das war anders bei Vaclav Havel , bei der burmesischen Oppositionsführerin Aung San Suu Ky; selbst der König von Sikkim war im Hausarrest, als Indien Sikkim annektiert hat, und immer spielte das eine Rolle auch für den Widerstand im Land. Bei den Tibetern aber ist fast die gesamte religiöse Führungsschicht seit Jahrzehnten außer Landes, ganz abgesehen von der intellektuellen Führungsschicht und auch der höheren politischen Elite die ja schon 1959 ins Ausland geflohen ist.

ZEIT: Der Dalai Lama wäre gern schon vor Jahrzehnten zurückgekehrt. Die Chinesen haben es ihm nicht gestattet.

Vollmer: Das ist nett gesagt! Wenn man eine politische Lösung will, muss man in beide Richtungen nach den Widerständen fragen, die dem Vernünftigen im Wege stehen. Gerade in so extrem komplizierten Konstellationen muss man sich zunächst die Ängste der einen Seite und dann die der anderen Seite ansehen, um den Punkt zu finden, wo beide überhaupt Bewegungsmöglichkeiten haben. Und da ist das Reindröhnen von draußen mit den Weltmedien meistens kein so gutes Mittel, um Bewegung zu erzeugen. Nun ist die chinesische Sicht vom Dalai Lama besonders schwierig zu überwinden. Für sie ist er ein Abtrünniger. Er hatte monatelange Gespräche mit Mao Tse-tung, die ihm zunächst – das schreibt er übrigens alles selber in seiner Biographie – eine sehr positive Sicht Chinas und auch des Kommunismus nahegelegt haben. Er wollte Kommunist werden. Er war Mitglied in einem der höchsten politischen Gremien der frühen Volksrepublik. Er ist mit Hilfe zweier seiner Brüder, die beim CIA waren, außer Landes gebracht worden und hat von da an versucht, die Befreiung Tibets vom indischen Dharamsala aus zu einem weltweiten Thema zu machen. Das heißt, die Chinesen misstrauen ihm, weil er in ihren Augen ein Renegat ist. Nun können ja selbst die Chinesen nicht die Blutspur ihrer Geschichte in Tibet leugnen, die Katastrophe der Kulturrevolution mit dieser brutalen Zerstörung von Kulturen, von Klöstern diesem unglaublichen Blutbad an Menschen. Um so mehr ist es aber notwendig, dass die Chinesen diesmal darauf setzen, dass der Dalai Lama nicht länger eine Karte in einer amerikanischen Anti-China-Strategie ist.

ZEIT: Der Dalai Lama eine Karte in der amerikanischen China-Politik? Glauben Sie das?

Vollmer: Ich bin in Bezug auf den Dalai Lama der Überzeugung, dass er es nicht ist. Ich glaube aber, dass es gewisse Einflüsse auf die Exil-Regierung gibt. Exil-Regierungen haben ihre eigenen Abhängigkeiten, das ist nicht nur in diesem Fall so. Die Sicht aus dem Exil erzeugt auch ihre eigenen Übertreibungen und Obsessionen. Es ist sogar eine offene Frage, wie viele Exil-Tibeter wirklich in ihr Land zurück wollen. Meines Erachtens hätte diese Frage nach der Rückkehr seit Beginn der Reformpolitik in China verstärkt gestellt werden müssen. Und sie ist auch intern diskutiert worden. Aber die Tibeter in Dharamsala hatten immer diese wahnsinnige Sorge, dass der Dalai Lama in den Händen der Chinesen zur Geisel werden könnte, die das ganze Volk lähmt. Und das wollten sie auf keinen Fall riskieren. Ich aber bin sicher, dass seit den späten neunziger Jahren der Druck der Weltgesellschaft ausgereicht hätte: Die Chinesen hätten ihm das Leben schwer gemacht, aber sie hätten es nicht mehr wagen können, Hand an den Dalai Lama zu legen.

ZEIT: Seit 2002 gibt es Gespräche zwischen der Exilregierung und der Regierung in Peking.

Vollmer: Es gab auch früher Gespräche. Eines wurde abgebrochen, weil der Dalai Lama damals einen Taiwan-Besuch machte. Es gab verschiedene verpaßte Chancen. Jetzt gab es eine andere Idee - und die hat nun wiederum mit den derzeit auf Eis gelegten Chancen der deutschen Einflußnahme zu tun - nämlich dem bilateralen Rechtsstaatsdialog. Hinter diesem rot-grünen Konzept stand schon lange die politische Absicht: wir reden über alle strittigen Fragen, aber nicht per Lautsprecher, sondern durch direkte Beratung bis hin zur Beratung der Gesetzgebung. Und in Bezug auf den Dalai Lama – und übrigens auch die evangelische und katholische Kirche - gab es den Vorschlag, auch China braucht Religionsgesetze wie andere Länder auch. Diese legen die Freiheiten der Religionsgemeinschaften fest, die Freiheit, ihre Führer zu bestimmen, das Eigentum an Klöstern und Tempeln, völlige Selbstbestimmung in Bezug auf die Ausbildung ihrer Priester,  Mönche und Nonnen, freie Religionsausübung.

ZEIT: Eine Art Konkordat.

Vollmer: Genau. Und dieses würde doch auch dem tibetischen Buddhismus und dem Buddhismus insgesamt nützen, weil er dann eingebettet wäre in die verbrieften Rechte der anderen traditionellen Religionsgemeinschaften.

ZEIT: Der Handel, den Sie den Tibetern vorschlagen, lautet also: Verzichtet um der Religionsfreiheit und um des Schutzes Eurer Kultur willen auf jede politische Mitsprache?

Vollmer: Wieso denn Verzicht? Sie würden doch innerhalb des Landes, gemeinsam mit anderen Reformbewegungen und Minderheiten viel wirksamer um Demokratie kämpfen. Diese Bewegungen wachsen doch in ganz China. Die Grundidee des Konkordats ist: Man anerkennt die Gesetze des Landes, kriegt aber dann selber innerhalb dieser Gesetze Freiheiten garantiert. Diese Vorstellung mutet beiden Seiten viel zu, denn auch das traditionelle Tibet kannte keine Trennung von Kirche und Staat.

ZEIT: Das Grundproblem der Tibeter ist doch aber ein politisches, sie sind an der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Region nur ganz am Rande beteiligt. Geht ein Konkordat nicht an den eigentlichen Problemen der Menschen vorbei?

Vollmer: Um politisch werden zu können, muß man erst einmal im Land sein. Auch der Dalai Lama fordert heute nur echte Autonomie, keine nationale Unabhängigkeit Tibets. 1990, als die Sowjetunion in tausend Stücke auseinander fiel, witterten auch viele Tibeter die Chance, dass als nächstes der Zerfall Chinas kommen würde und man Tibet als Ganzes herauslösen könnte. Eine solche Karte eines eigenen tibetischen Nationalstaates findet sich z.B. in der Biographie des Dalai Lama aus dem Jahre 1990. Die Chance ist aber spätestens seit Ende der neunziger Jahre vorbei.

ZEIT: Die Chance gab es auch 1990 nicht.

Vollmer: Zumindest die Hoffnung gab es. 1996 trat ich nach einer Tibetreise den Dalai Lama, da war schon klar, die Reformbewegungen hatten gegriffen, China würde auch keinen Fall zerfallen., Sein Volk brauchte ihn jetzt dringend an Ort und Stelle, nicht nur um der Unterdrückung sondern auch um den Gefahren der Modernisierung stand zu halten.

ZEIT: Was hat er geantwortet?

Vollmer: Es hat ihn intensiv beschäftigt. Er hat gesagt, sie seien wiederholt an diesem Punkt gewesen, z.B. hatten die Chinesen ihn 1989 offiziell eingeladen zur Trauerfeier für den 10. Panchen Lama. Aber der galt dem Exil damals noch als "Kollaborateur" - was er nie war. Immer fürchteten sie, wenn der Dalai Lama in den Händen der Chinesen sei, dann sei ganz Tibet handlungsunfähig.

ZEIT: Welche Möglichkeiten also gibt es, von deutscher Seite zur Lösung desTibet-Problems beizutragen?

Vollmer: Wir müssen mit beiden Seiten kritisch reden. Als Reaktion auf diesen kleinen Dalai Lama-Empfangdurch Merkel sind erstmal zwei wichtige Symposien des Rechtstaats-Dialogs abgesetzt wurden. Das halte ich für eine ziemliche Beschädigung eines wirklichen Einflussinstrumentes. Das ging ja bis dahin, dass wir in Gesprächen sogar an Gesetzgebungsprozessen beteiligt waren, etwa über das Wirken von NGOs in China. Auch ein ganz heikles Thema. Oder über die Einrichtungen von Stiftungen. In dem allen hatten die Deutschen eine gewisse vertrauensvolle Beratungsfunktion, die auch die Rechtstaatspraxis in China langfristig beeinflussen könnte. Man darf da nie illusionär sein. Aber es war jedenfalls wirklich ein Instrument.

ZEIT: Ist es nicht illusionär zu glauben, China könnte wegen des Rechtstaatsdialogs bereit sein, einen "Spalter", einen "Separatisten", wie sie den Dalai Lama nennen, ins Land zurückkommen zu lassen?

Vollmer: Nachdem im Rechtsstaatsdialog inzwischen über dreißig Projekte entstanden sind und wir sehen, dass wir wirklich etwas erreichen können, glaube ich, kann man nicht mehr sagen, das ist ein hohles Instrument. Wenn ich in Bezug auf etwas Realpolitikerin geworden bin, dann in Bezug auf die nüchterne Einschätzung, was in China in welchen Zeiträumen möglich ist. Aber selbst bei äußerster Skepsis sage ich, es würde ein Riesenvorteil sein, den Dalai Lama mit seiner im Westen geschulten religiösen politischen und intellektuellen Elite wieder im Lande zu haben. Die Tibeter hätten dann wenigstens eine Führung. Inzwischen aber zerrinnt uns die Zeit zwischen den Fingern für eine Lösung, von der ich jetzt nicht mehr weiß, ob sie auch von den Tibetern noch angestrebt wird. Es gibt ein paar für mich beunruhigende Anzeichen. Aus Dharamsala hört man die nächste Inkarnation des Dalai Lama wird in einem freien Land sein, also in Indien. Ich verstehe das. Sie wollen den nächsten Dalai Lama nicht von den Chinesen aufgedrückt bekommen. Gleichzeitig aber heißt das im Klartext, dass das Ziel gar nicht mehr die Rückkehr zum historischen Tibet ist, sondern dass der Potala mitsamt der tibetischen "Kurie" nach Indien verlegt wird und in Dharamsala der "Vatikan" des tibetischen Buddhismus aufgebaut wird. Für einen Buddhisten ist die spirituelle Existenz sowieso wichtiger als die materiell-historische. Das hieße dann aber ganz brutal, dass die vier Millionen Tibeter kulturell und sozial faktisch ihrem eigenen Schicksal überlassen werden. Das wollte ich nie.

ZEIT: Will die Exilgemeinde denn überhaupt noch nach Tibet zurückkehren?

Vollmer: Der Wunsch nimmt bei den - übrigens im Ausland sehr erfolgeichen - Tibetern der nächsten Generationen rapide ab. Das Leben im tibetischen Hochland ist extrem hart, die Entfremdung zu denen im Exil nimmt zu.

ZEIT: Sie machen Druck auf den Dalai Lama?

Vollmer: Ich befürchte, dass seine Möglichkeit, für die Rückkehr einen Konsens in der Exilregierung und in seiner Umgebung zu bekommen, abnimmt. Ich glaube immer noch, dass er eines Tages – und sei es als einfacher Mönch – versucht, alleine zurückzugehen. Aber das wäre dann keine politische Lösung.

ZEIT: Wäre es eine Kapitulation?

Vollmer: Nein, es wäre auf jeden Fall ein spiritueller Sieg. Aber er wird dann sicher nicht mit hundert Westkameras zurückkehren.

ZEIT: Sie haben 1998 gesagt: "Ich suche das Nadelöhr, durch das der Dalai Lama in seine Heimat zurückkehren kann." Haben Sie es gefunden?

Vollmer: Ich hatte manchmal den Eindruck, dass ich es intellektuell gefunden hätte. Aber ein intellektuelles Nadelöhr ist ein Nichts, wenn Sie nicht genügend realpolitische Interessen hindurchzwängen können. Dafür müssen Sie allen Seiten etwas zumuten. Und zu denken, dass die Chinesen, nur weil Herr Bush in Washington und Frau Merkel in Berlin posaunen, "Geben Sie den Tibetern endlich Freiheit!", dies dann wirklich tun würden, das ist echt illusionär. 

Das Gespräch führten Angela Köckritz und Matthias Naß

 

 

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