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Kanzelrede - Über die Einheit der Christen (München, 24.09.2000, überarbeitete Fassung 2002)

Dr. Antje Vollmer

Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

Kanzelrede - Über die Einheit der Christen

am 24.09.2000 in der Erlöserkirche, München-Schwabing

I.

Vor zwei Jahren war ich in Jerusalem - keine zwei Wochen vor Ausbruch der Intifada. Es war nicht das erste Mal, daß ich die heilige Stadt besuchte. Ich hatte bei früheren Besuchen die Klagemauer gesehen, das bedeutendste Heiligtum der Juden. Ich hatte auch schon den Felsendom gesehen, eines der großen Heiligtümer des Islam, das dritte nach Mekka und Medina.

Aber damals war ich zum ersten Mal in der Grabeskirche, das ist der theologischen Bedeutung nach vielleicht die zentralste Stätte der Christenheit. Und was ich da gesehen habe, hat mich ratlos, ja geradezu fassungslos gemacht. Darüber möchte ich heute mit Ihnen sprechen.

Die Grabeskirche in Jerusalem war - ihrer großen Bedeutung nach - immer Ausdruck des Wunsches gewesen, eine endgültige und vollkommene und in sich geschlossene Formensprache für den einzigartigen Inhalt zu finden, den sie behütet und schützt. Es gab verschiedene Vorkirchen des heutigen Kirchbaus, von der Basilika der konstantinischen Zeit bis zu der bedeutenden Kathedrale der Kreuzfahrerzeit. Der heutige Kirchenraum in seiner schrillen Kakophonie aber ist ein einziges Dokument der Zerrissenheit der Christenheit.

Er ist damit auch ein historisches Dokument der unendlichen Spaltungsgeschichte des Christentums. Jeder hat da seine eigene Ecke, die Franziskaner und die Kopten, die Orthodoxen und der Vatikan, die Anglikaner und vermutlich auch die Protestanten - die habe ich nicht einmal ausmachen können im lauten bunten Gemisch von Farben und Formen.

Und nichts paßt zueinander. Alle Kunstrichtungen und alle Formen der Frömmigkeit sind hier auf engstem Raum miteinander im Gedränge der nicht endenwollenden Pilgerströme.

Dabei entsteht keine Harmonie, keine Vielfalt der Stimmen. Jeder einzelne Ort für sich nämlich nimmt nicht auf den anderen Bezug, nimmt keine Rücksicht, antwortet nicht. Er behauptet sich : W i r sind auch da, wir verteidigen unseren Anteil! Ein Trauerspiel an einem Ort, der eigentlich die gemeinsame Trauer der Christen um ihren Herrn bekunden sollte.

Nicht genug damit - seit neuestem ist ein weiteres Stilelement hinzugekommen, das mir wie ein Symbol für sich vorkommt - wenn auch ganz anderer Art.

Lange war die Kuppel, die sich über dem eigentlichen Grab wölbt, mit Leitern eingerüstet gewesen. Sie brauchte eine Renovierung und Ausgestaltung, aber der gemeinsame Rat der gemeinsamen Kirchenverwaltung konnte sich nicht einigen. Bis eines Tages ein Amerikaner kam - so erzählte man mir, vielleicht ist auch das schon eine Legende -, der 1 Million Dollar dafür anbot, die Kuppel ausmalen und gestalten zu lassen. Aber es müsse sehr schnell geschehen.

Und so begab es sich, daß die Kuppel gestaltet wurde. Sie trägt jetzt einen dicken sternzackig geformten Ring, der aussieht wie aus Gips oder Styropor und fettig golden glänzt wie ein dickes Stück Weihnachtsgebäck. Und der Architekt oder Designer, der das gestaltet hat - so sagte man mir, vielleicht ist auch das eine Legende - hatte bisher Malls, die großen Einkaufszentren der amerikanischen Vorstädte, gestaltet. Es war sein erster Versuch an einer Kirche.

Auch in dieser Kirche wird gebetet, werden Messen gelesen, werden Gelübde abgelegt, wird gepredigt, wie in anderen Kirchen auch, vielleicht sogar noch inniger und inbrünstiger, so schien es mir. Und doch ist diese Kirche mehr. Sie ist ein Spiegel. Sie sagt etwas über die Rolle und die innere Verfaßtheit der Christenheit am Beginn des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt aus.

Ich glaube, so wie wir uns selbst dort ein Abbild unserer selbst gegeben haben, können wir nicht einmal das nächste Jahrhundert bestehen.

II.

Eine zweite Geschichte möchte ich Ihnen erzählen. Während des Aufenthaltes in Jerusalem damals konnte ich im Refektorium der Benediktiner an einem interreligiösen Dialog teilnehmen, der mich sehr beeindruckt hat. Vertreten in diesem kleinen Kreis waren zwei Rabbis (übrigens ein Optimist und ein pessimistischer Realist), ein deutscher lutherischer Probst und ein palästinensischer protestantischer Pfarrer, ein orthodoxer Bischof, ein Vertreter der Benediktinerabtei und ein islamischer Scheich, der zu den Sufis gehört.

An einer Stelle des Gespräches gab es eine Möglichkeit, über den Schock zu reden, den ich in der Grabeskirche erlebt hatte. Wie kann das sein, sagte ich, daß der Islam in dem Felsendom ein Heiligtum von fast überirdischer Schönheit geschaffen hat, daß das Judentum mit der Klagemauer einen Ort gefunden und gestaltet hat, in dem für Juden wie Nichtjuden die ganze Geschichte Israels spontan erfahrbar wird und daß das Christentum so grandios scheitert, seinen wichtigsten Ort gemeinsam zu gestalten?

Ach, sagte der Sufi, Sie müssen die Grabeskirche einfach mit dem Herzen betrachten. Kirchen muß man mit den Herzen betrachten und nicht mit den Augen. Ich mache das bei jeder Kirche so.

Und da hatte er auf einmal recht, viel mehr als meine kritischen Augen.

III.

Eine dritte Geschichte. Ebenfalls im September 2000 fand in New York ein Treffen der großen Führer der Weltreligionen statt. Es war die Idee von Kofi Annan, des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, gewesen.

Er sagte: Es reicht nicht, wenn sich die Chefs der Regierungen und die Außenminister treffen, um die Ordnung der Welt des dritten Jahrtausends zu entwerfen. Also entwickelte er so etwas wie einen Vierklang, einen Kanon der Organisationen der Welt: Neben den Regierungschefs waren die Präsidenten der Parlamente, die Vertreter der NGOs, der Zivilgesellschaften eingeladen. Und schließlich lud er eben die Führer der Weltreligionen ein, wohl wissend, daß diese über die Frage von Krieg oder Frieden in der Geschichte der Menschheit oft Endscheidenderes mitzureden hatten als viele Regierungen.

IV.

Damit bin ich bei der Frage, die ich mit allen drei Vorgeschichten schon längst mitgemeint habe: Sind die Christen eigentlich auf die Aufgaben vorbereitet, die uns das neue Jahrhundert und Jahrtausend stellt?

Kann das eigentlich angehen, daß wir immer noch in der Form, in der Sprache und in dem Institutionswirrwarr existieren, die Jahrhunderte und Jahrtausende an Lehrstreitigkeiten, Kirchenspaltungen, Reformationen, Ketzer- und Hexenvertreibungen, Religionskriegen und Kreuzzügen, Kolonialismus und Missionsgeschichte uns hinterlassen haben?

Von allen großen Weltreligionen ist das Christentum derzeit wohl diejenige Religion, die im Inneren am schwächsten, am unsichersten und am wenigsten ihrer eigenen Zukunft gewiß ist.

Das spürt man besonders im Umgang mit dem Islam - nicht nur, wenn man mit einem Sufi-Scheich spricht, der die Botschaft des kleinen Prinzen ins Religiöse zu übersetzen versteht. Daß der Westen - und besonders das in der Hinsicht ganz und gar von Europa geprägte Amerika - den Islam so sehr fürchtet, hat sicher mit vielen rationalen und politischen Gründen zu tun. Aber nicht zuletzt ist es Ausdruck eines wirklichen Unterlegenheitsgefühls. Dem Westen gehen die Religionen verloren. Und damit eine Kraft, aus der heraus sich die Gesellschaft anders und verbindlicher definiert, aus der sie einen Teil ihrer Tradition und der allen gemeinsamen Werte definiert. Und nicht zuletzt geht ihnen damit eine Botschaft und ein Brausen von einem tieferen Sinn der Welt verloren, nach dem viele Menschen eine Sehnsucht haben.

Als er ganz und gar diesseitig wurde und den Weg der Moderne bis zuletzt ausschritt, wurde dieser Westen, der die Leitkultur der Globalisierung darstellt, auch ganz und gar endlich. Das macht das Gefühl eines Verlustes aus, bei allem Weltgewinn, der ja nicht zu leugnen ist.

V.

Ich glaube, dieses richtige Gefühl und das Wissen darum, daß wir Christen in der Verfaßtheit, die uns das Bild der Grabeskirche wiederspiegelt, derzeit noch gar nicht richtig mitreden können im Dialog der Weltreligionen, muß ernsthafte Konsequenzen haben.

Wir müssen wirklich anfangen, größere und mutigere Schritte zu tun.

Zumindest müssen wir energischer an der Einheit der christlichen Kirchen arbeiten, als das in den letzten zehn Jahren passiert ist.

Lassen Sie uns ein ernsthaftes Ziel ins Auge fassen: Bis zum Jahre 2025 nach Christi Geburt, also 500 Jahre nach der letzten großen Kirchenspaltung zwischen Katholiken und Protestanten, an der Europa fast verblutet wäre, 500 Jahre später muß es wenigstens diesen Zusammenschluß in einer einzigen christlichen Kirche wieder geben.

Und wenn sie nicht von oben kommt, von den Kirchenführern, dann muß sie von unten kommen, aus den Gemeinden.

Sie kann auch gar nicht aus den Lehrmeinungen und ex Kathedra kommen, so wichtig die Vereinbarungen über die Rechtfertigungslehre sind.

Die Welt spricht heute keine theologische Sprache mehr, sie spricht eine Weltsprache gemeinsamer Zeichen.

Ein Zeichen der Einheit der Christen wäre, wenn sie, aus welcher Kirche auch immer sie kommen, wenn sie ganz selbstverständlich das Abendmahl gemeinsam feiern, und zwar genau in der Form, die in der jeweiligen Kirche gerade dargeboten wird. Ich mache das seit langem. Ich bin nie zurückgewiesen worden.

Die Christen sollten sich ganz offensiv gegenseitig in ihren Kirchen besuchen, die Gebräuche und Regeln der anderen Bekenntnisse mitmachen und diesen dadurch das Unterscheidende und Trennende nehmen.

Der erste ökumenische Kirchentag in Deutschland, der 2003 stattfinden wird, wird ganz sicher ein Meilenstein auf diesem Wege sein. Wir werden uns kennenlernen, und wir sollten ab dann sehr viel mehr zusammen tun, als die Führungen der Kirchen uns allen bisher zutrauen.

Ich meine das ganz ernst: Wenn das Datum 2025 einigermaßen realistisch ist, hätten wir dann noch 22 Jahre. Wir könnten es noch erleben.

VI.

Ja, wird man einwenden, aber da gibt es nun die Äußerungen von Kardinal Ratzinger. Anfang September 2000 stellte er eine Erklärung der vatikanischen "Kongregation für die Glaubenslehre" vor. Darin betont er die besondere und führende Stellung der katholischen Kirche in den christlichen Glaubensbekenntnissen. Er unterstreicht die Einzigartigkeit Jesu Christi, die im Dialog der Weltreligionen gegenüber anderen religiösen Figuren wie Buddha und Mohammed herausragen müsse. Das ist doch ein großer Schritt zurück.

Klar ist er das. Aber was sagt das gegen ein "wanderndes Gottesvolk", wenn es erst einmal aus Ägypten mit seinen sicheren Häusern und seinen Fleischtöpfen aufgebrochen ist?

Die Erklärung von Kardinal Ratzinger scheint mir

1. sehr stark nach innen, in die römische Kurie hinein gesprochen zu sein. Wenn das stimmt und wenn sie gar nicht vorrangig für uns gedacht war, warum soll sie uns so sehr schrecken? Sie redet ins Haus hinein, sie redet eigentlich gar nicht mit der Welt, wie sie wirklich existiert;

2. scheint sie die Begriffe Mission und Dialog zu vertauschen. Der Gestus der Mission entsprach einem euro- und abendländisch zentrierten Weltbild. Im Zeitalter der Globalisierung gibt es keine Alternative mehr zum Dialog.

3. Wenn Kardinal Ratzinger den protestantischen Kirchen den Kirchencharakter im Sinne eines römisch-katholischen Kirchenverständnisses abspricht, dann denke ich an das, was der SUFI-Scheich gesagt hat: Was eine Kirche ist, das sieht man nur mit dem Herzen, nicht mit der Brille des apostolischen Lehrstuhles.

VII.

So mit dem Herzen betrachtet, rückt aber das Bild eines deutschen Kardinals in Rom, der sein untergehendes Lehrgebäude verteidigt, merkwürdig in den Hintergrund und ein anderes Bild schiebt sich in den Vordergrund.

Ein immer schwächer werdender Papst redet fast nur noch mit den Armen und den Jugendlichen dieser Erde, und er redet von Zukunft.

Ein gebrechlicher Papst sucht selber den Dialog der großen Religionen dieser Welt.

Ein Papst steckt einen Brief in die Ritzen der Klagemauer, mit dem er Gott um Vergebung bittet für das Versagen der Christen und der christlichen Kirchen den Juden gegenüber.

Die Lehre von der Unfehlbarkeit hatte Protestanten und Katholiken immer getrennt. Weiter in der praktischen Aufhebung der Lehre von der Unfehlbarkeit kann ein Papst nicht gehen.

Man muß nur die Sprache und die Bilder richtig deuten. Ich glaube, dieser Papst hat in seiner Weltpraxis seinen Vatikan längst verlassen.

Als einer der ersten unter den religiösen Führern hat er die Globalisierung - und übrigens auch die Weltmediensprache - ganz ernst genommen. Vielleicht hat er früher als andere begriffen, daß die globalisierte Welt eine ganz andere Sprache und eine ganz andere Dimension von Verantwortung der großen Religionen abruft als wir alle ahnen.

Und wer weiß: vielleicht wird der Papst, der im Jahre 2025 an jenem großen Zusammentreffen teilnehmen wird, das die große Spaltung der Christenheit überwindet, schon aus dem afrikanischen Kontinent kommen, während sein Kollege, der Generalsekretär des Weltkirchenrates, aus China kommt. Und sie beide werden gemeinsam einen Kardinal als scharfzüngigen Berater ernennen, der noch in Castros Kuba geboren wurde, das es dann auch schon lange nicht mehr gibt.

Es ist jedenfalls keine Zeit für zu kurze und zu enge Blicke auf die Zukunft der Christen.

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